Gedanken zum Karfreitag – 30.03.2018

In seinem Grab aber sollte das Leben zu blühen beginnen

Foto: Michael Guist
Foto: Michael Guist

 

Von Helmut Korth

 

 

Kaum haben wir eine neue Regierung, da geht die Debatte wieder los. Wer gehört zu uns und wer nicht? Wer darf bei uns bleiben und wen hätten wir lieber draußen vor der Tür? Ach, wenn es doch nur die wären, die so redeten. Was wäre das schön! Aber so oft ist das Thema: Wer gehört dazu und wer nicht? In jedem Verein, in jeder Kirchengemeinde, in jeder Partei, in jedem Ort und in jedem Land wird diese Frage immer wieder durchgekaut. Und wie schön ist es, wenn man jemanden gefunden hat, der nicht dazugehört, dem man mit Recht und mit gutem Gewissen sagen kann: Dich wollen wir nicht unter uns haben. Denn wenn wir die unsicheren Kandidaten aus unseren Reihen entfernen, dann können wir doch viel geschlossener auftreten, dann können wir uns untereinander viel besser verstehen, weil wir viel mehr Gemeinsamkeiten haben. Wenn wir uns nicht ständig rumschlagen müssen mit denen, die alles ganz anders machen wollen, dann sind wir viel leistungsfähiger.

 

Und je wohler wir uns fühlen, die wir dabeibleiben, die wir drinnen bleiben, umso weniger haben wir einen Blick für die, die draußen sind. Umso weniger haben wir einen Blick dafür, dass die Schar derjenigen, die nicht mehr dazugehören, wächst. Auch in unserem Land bleiben immer mehr Menschen draußen vor der Tür, holen ihr Essen von den Tafeln, die Winterkleidung von der Kleiderkammer, haben Probleme, die Miete zu bezahlen. Ich denke an den Jungen, der nicht zum Konfirmandenunterricht gehen durfte, weil die Familie es einfach nicht mehr ertragen konnte, schon wieder sich die Kosten für Bibel und Gesangbuch, für Schreibzeug und Konfifahrt, für die Feier und den Anzug von irgendjemand anderem geben lassen zu müssen.

 

Dabei muss es gar nicht nur ums Geld gehen, wenn einer ausgegrenzt wird. Der eine hat die falsche Meinung, der andere ist nicht cool genug, den dritten treffen die spitzen Ellenbogen und die spitzen Zungen der Erfolgreichen und Angesehenen. Mancher wird einfach alt oder krank, spricht die falsche Muttersprache, hat das falsche Vaterland. Drinnen tummeln sich in der warmen Stube die, denen alles gelingt.

 

Draußen war noch einer, den man unter die Verlierer rechnete. So gut wie nichts war von dem zu sehen, was er hatte bringen wollen. Jesus hatte viele Hoffnungen enttäuscht. So schaffte man ihn fort, fort vor das Tor, fort vor die Stadt. Da draußen sollte er sterben und seine Hirngespinste mit ins Grab nehmen.

 

In seinem Grab aber sollte das Leben zu blühen beginnen. Und da drehen sich die Maßstäbe plötzlich um. Alle, die einst davongejagt worden waren, hier sind sie ihm ganz nahe. Bei ihm sind sie im Mittelpunkt.

 

 

Helmut Korth, evangelischer Pfarrer in Höchst an der Nidder und Oberau