Büdingen-Wolf: Das Interview

Sprechen wir über Luther, Herr Fuchs

THEMENTAG:  Unterhaltung über das Fegefeuer, die Gnade Gottes und Luthers Antisemitismus / Was ist heute noch gültig?

 

Quelle: Kreis-Anzeiger 23.06.2016

 

(AULENDIEBACH/ka) - Für Samstag laden die evangelischen Kirchengemeinden Aulendiebach, Rohrbach und Wolf zu einem Martin-Luther-Thementag ein. Im Mittelpunkt steht der Initiator der Reformation, der mit seinem Thesen-Anschlag an der Schlosskirche in Wittenberg die westliche christliche Kirche heftig in Bewegung gebracht hat. Der Kreis-Anzeiger hat mit Pfarrer Friedrich Fuchs über das Fegefeuer, die Gnade Gottes und Luthers Antisemitismus gesprochen.

 

 

Herr Fuchs, warum wurde das Jahr 2017 zum Lutherjahr ausgerufen?

 

Weil es sich am 31. Oktober 2017 zum 500. Mal jährt, dass Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen hat. Der 31. Oktober 1517 gilt als Geburtstag der evangelischen Kirche und wurde bisher in jedem Jahrhundert gefeiert. Immer mit einem anderen Schwerpunkt. 1817 beispielsweise recht national, weil kurz zuvor die Napoleonischen Kriege beendet worden waren. Da feierte man Luther, den Deutschen. Im kommenden Jahr feiern wir das 500. Jubiläum. Mit verschiedenen Veranstaltungen und auch ökumenisch. Es soll kein Jubiläum werden, das auf Konfrontation mit anderen christlichen Kirchen abzielt, und es soll keine rein historische Besinnung werden. Die Frage ist doch heute vielmehr: Was bedeuten Luther und die Reformation in der Gegenwart?

 

 

Also hängt der Thementag mit dem Lutherjahr zusammen?

 

Ja. Den Thementag habe ich mir von der katholischen Kirche abgeschaut. In Frankfurt, im Haus am Dom, einem katholischen Tagungshaus, finden regelmäßig Thementage zu geistlichen Themen oder Persönlichkeiten statt. Mit unterschiedlichen Referenten und einer kleinen Teilnehmergebühr. Das gefällt mir. Sowas wollte ich auch machen.

 

 

Für die Kirchenvorsteher?

 

Ja, zuerst war das so geplant. Wir konnten interessante Referenten gewinnen und ein sehr attraktives Programm zusammenstellen. Da dachten wir: Wir machen keine geschlossene Gesellschaft, sondern eine offene Veranstaltung für alle, die Interesse haben. Wir möchten auf das Lutherjahr einstimmen: Es wird 2017 Konzerte, Ausstellungen, andere Veranstaltungen und viele Buchveröffentlichungen geben. Dazu wollen wir einen eigenen Beitrag leisten.

 

 

Werden Sie auch über Luther und die Juden sprechen? Das ist ja ein dunkles Kapitel in seinen Schriften. Spielt das im Jubiläumsjahr überhaupt eine Rolle?

 

In den sogenannten Judenschriften Luthers finden sich Äußerungen, die antisemitisch sind. Das ist absolut daneben und verfehlt. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat sich in einer Stellungnahme ausdrücklich von Luthers Antisemitismus distanziert. Ich persönlich finde, dass Luthers Antisemitismus nicht das große Thema für das Jubiläumsjahr ist. Es gibt enormen Aufarbeitungsbedarf, aber es gibt in dieser Sache auch Wichtigtuerei. Luther befand sich im antisemitischen Mainstream seiner Zeit und baute ihn sogar noch weiter aus. Es gab auch andere Stimmen: Ein Zeitgenosse Luthers, der Humanist Johannes Reuchlin, hat sich in einem Gutachten mit der Frage befasst, ob hebräische Literatur vernichtet werden sollte. Er kam zu der Überzeugung: „Nein. Auf keinen Fall. Ihre Bewahrung ist eine Frage der Humanität und der Kultur.“ Luthers Schriften füllen viele Bände. Die Judenschriften sind ein Teil davon. Das muss man auch sehen. Seine große Frage, das zentrale Element der lutherischen Theologie, ist eine andere: Was muss ich tun, damit ich einen gnädigen Gott bekomme?

 

 

Und wie hat Luther diese Frage beantwortet?

 

Er hat sich unendlich gequält. Sich mit allen von der Kirche angebotenen Heilsmitteln um eine Antwort bemüht: Er ist Mönch geworden, hat gefastet und gebeichtet. Sein Beichtvater Johann von Staupitz fühlte sich nicht selten genervt von diesem beichtwütigen Mönch, der immer noch etwas fand, was er beichten wollte. Der Durchbruch, die Befreiung, kam mit der Lektüre von Paulus‘ Briefen an die Römer und an die Galater. Da erkannte Luther, dass Gott ihm seine Gnade schenkt. Das berühmte Sola Gratia. Du kannst dir Gottes Gnade nicht durch Leistung verdienen.

 

 

Was heißt das?

 

Da muss ich ausholen. Das theologische Schema zu Luthers Zeit lautete: Nach dem Tod beziehungsweise am Ende der Welt kommst du vor Gottes Gericht. Die wenigsten dürfen in den Himmel. Die ganz Bösen kommen in die Hölle. Die meisten kommen ins Fegefeuer, wo sie für ihre Sünden eine lange Zeit gequält werden. Luther fand aber keine Beweise für das Fegefeuer in der Bibel und gelangte deshalb zu der Überzeugung: Das gibt es nicht. Damit verlor übrigens der für die damalige Kirche recht lukrative Ablasshandel seine Basis. Luther hielt jedoch an der Vorstellung des Jüngsten Gerichts und der Scheidung in Himmel und Hölle – gut und böse – fest. Aber: Durch gute Werke – beten, fasten, pilgern, Almosen geben, Mönch werden – verdient man sich Gottes Gnade nicht.

 

 

Das ist ja nun 500 Jahre her. Was bedeutet das denn für unsere Zeit?

 

Nur wenige Leute fragen heutzutage noch: Wie bekomme ich Gottes Gnade? Himmel und Hölle spielen keine Rolle. Heute fragen die Menschen eher: Wie bekomme ich die Anerkennung der anderen? Wie schaffe ich es, dass andere mich akzeptieren? Wie schaffe ich es, mich selbst so zu akzeptieren, wie ich bin? Die senkrechte Beziehung Gott-Mensch ist einer waagrechten gewichen: Mensch-Mensch beziehungsweise ein Mensch zu sich selbst. Deshalb lautet nach meiner Ansicht Luthers Botschaft heute: Du kannst dir die Akzeptanz der anderen nicht erarbeiten, indem du zum Beispiel versuchst, es allen recht zu machen. Du bist okay, wie du bist. Du tust, was du kannst, aber es wird immer Leute geben, die dich nicht so toll finden. Das kannst du aber aushalten, wenn du dich akzeptierst, wie du bist. Das ist in meinen Augen eine sehr ermutigende Verkündigung. Da liegt das Befreiende, Erlösende heute.

Zum Jubiläumsjahr wird es eine Revision der Lutherbibel geben...

 

Ich schätze die Lutherbibel sehr. Sie spielt in der deutschen Kulturgeschichte eine enorme Rolle. Bei Goethe, selbst bei dem Christentumshasser Nietzsche. Alle Ausgaben, die es neben der Lutherbibel noch gibt – zum Beispiel „Die gute Nachricht“ oder die Bibel in gerechter Sprache – sind in guter, redlicher Absicht entstanden, aber ihnen fehlt oftmals dieses kulturprägende Moment, das mir so gut gefällt. Viele Redewendungen, die aus der Lutherbibel stammen, gehen rapide verloren. Das ist ein Kulturverlust.

 

Lassen Sie uns noch einmal auf den Thementag zurückkommen. Welche Erwartungen haben Sie?

 

Dass eine ganze Reihe Leute kommen und dass es keine Höflichkeitsveranstaltung wird. Wir wollen Lust auf Luther machen, Interesse wecken. Vielleicht bekommt der eine oder andere Lust, sich im Lutherjahr weiter mit ihm zu beschäftigen. Nicht nur hier, sondern auch in Frankfurt, Büdingen, anderswo. Klaus-Peter Decker wird zeigen, dass Luther und die Reformation etwas mit unserer Gegend zu tun hat. Christoph Duchardt, vielen von den Matzsingers bekannt, wird mit seiner Lesung aus Luthers Tischreden unterhalten und der Althistoriker Alexander Demandt im Gespräch Rede und Antwort stehen. Dazu gibt es Musik von Barbara Müller, der Büdinger Kantorin: Wir wollen einen anregenden halben Tag in der spätmittelalterlichen Kirche in Aulendiebach verbringen.

 

 

  • INFO
    Am kommenden Samstag, 25. Juni, veranstalten die drei Kirchengemeinden Aulendiebach, Wolf und Rohrbach zur Einstimmung auf das Lutherjahr 2017 einen „Thementag Martin Luther“ – mit Gespräch, Lesung, Musik und Vortrag. Die Veranstaltung findet in der evangelischen Kirche in Aulendiebach statt. Sie beginnt um 9.30 Uhr und endet gegen 15 Uhr. (elk)