Evangelisches Dekanat Büdinger Land

„Die Kraft kommt aus dem Glauben“

Dekanin Sabine Bertram-Schäfer mit dem Synodalvorstand des Evangelischen Dekanats Büdinger Land. Foto: Gert Holle
Dekanin Sabine Bertram-Schäfer mit dem Synodalvorstand des Evangelischen Dekanats Büdinger Land. Foto: Gert Holle

DEKANAT BÜDINGER LAND: Dekanin Sabine Bertram-Schäfer über das Zusammenwachsen und die Arbeit im ländlichen Raum

 

Quelle: Kreis-Anzeiger 23.07.2016

 

(NIDDA/em) - Mit 79 Kirchengemeinden ist das Dekanat Büdinger Land eines der drei größten Flächendekanate und mit 61 800 Gemeindegliedern das fünftbevölkerungsstärkste der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau. An der Spitze steht Dekanin Sabine Bertram-Schäfer. Zusammenwachsen, aber die eigene Identität nicht verlieren, den besonderen Gegebenheiten des ländlichen Raumes in der Seelsorge und Verkündigung gerecht werden: Im Gespräch mit dem Kreis-Anzeiger erläutert Bertram-Schäfer die aktuelle Situation im Dekanat.

 

 

Begann der Prozess des Zusammenwachsens mit dem 1. Januar 2016?

Nein, sondern in Einzelschritten viel früher. Wir waren seit 2002 eine Arbeitsgemeinschaft aus den Dekanaten Büdingen, Nidda und Schotten und haben in vielen Gebieten übergreifend gearbeitet, etwa bei den Angeboten der Ehrenamtsakademie, den Fortbildungen für Kirchenvorsteher, den Wetterauer Kirchenmusiktagen, bei Projekten in der Ökumene, Bildung, Öffentlichkeitsarbeit und Jugendarbeit.

 

Gibt es seit der Fusion intensivere Formen der Zusammenarbeit?

Monatlich kommen alle Pfarrer des Dekanats zu einer Besprechung zusammen. Sie haben sich schon 2015 für diese Form und gegen Regionalkonvente entschieden. Es sind wechselnde Tagungsorte, Fahrgemeinschaften bilden sich, auch auf diese Art lernt man sich näher kennen. Es geht nicht um Zentralisierung um jeden Preis. Zum Beispiel gibt es mehrere regionale Weiterbildungsangebote zum Thema Jugendschutz für die Ehrenamtlichen der Kinder- und Jugendarbeit.

 

Von den Besprechungen ist zu hören, dass zumindest im Schlussteil bei den regionalen Anliegen Zeit- und Themendruck zu spüren sei. Empfinden Sie das auch so?

Diese Kritik ist berechtigt. In einiger Zeit wird es eine Auswertung geben. Es gilt, die Arbeitsformen noch zu verfeinern, manche Themen in Kleingruppen zu bearbeiten und die Ergebnisse ins Plenum zu bringen, Pausen für direkten Austausch einzuplanen.

 

 

Dekanin Sabine Bertram-Schäfer. Foto: Gert Holle
Dekanin Sabine Bertram-Schäfer. Foto: Gert Holle

Gibt es auch spontane Formen von Gemeinsamkeit?

Ja, ich erlebe sie mit großer Freude. So kamen fast 60 Teilnehmer aus den ehemaligen Dekanaten Nidda und Büdingen zur Einweihung des Psalmenwanderwegs in Usenborn. Am 8. Oktober in Gedern und am 9. Oktober in Büdingen singen Projektchöre der drei Regionalkantoreien Mendelssohn-Bartholdys Oratorium „Elias“. Wir proben jetzt nur noch gemeinsam.

 

Zur Identität der Dekanate haben unterschiedliche Arbeitsprojekte beigetragen, etwa im Bereich Ökumene. Wie wird es hier weitergehen?

Die Partnerschaft mit der Südindischen Kirche von East Kerala besteht in den ehemaligen Dekanaten Büdingen und Nidda seit 26 Jahren, auch das Dekanat Vogelsberg ist eingeschlossen. Solche über Jahrzehnte gewachsenen Arbeits- und Freundschaftsbeziehungen werden weitergeführt. Eigenständige Projekte verdienen Wertschätzung: Im ehemaligen Dekanat Schotten wurde vor mehr als 25 Jahren die Initiative „Hilfe für Tschernobylkinder“ gegründet. 13 Mal kamen Kindergruppen zur Erholung nach Schotten, freundschaftliche Beziehungen zwischen der Stadt Schotten und dem weißrussischen Dorf sind entstanden. Die Begrüßung der aktuellen Erholungsgruppe, die Lieder der Kinder und die Dankesworte der Lehrkräfte haben mich ebenso beeindruckt wie der gemeinsame Verabschiedungsgottesdienst. Ökumenische Zusammenarbeit besteht mit den katholischen Kirchengemeinden und den Freikirchen: bei der Vorbereitung und Gestaltung der Gottesdienste am Weltgebetstag der Frauen, bei Bibelwochen, manchmal bei Projekten der Kinderarbeit.

 

Ein großes Thema war „Armut mitten in der wohlhabenden BRD – solidarische Hilfen“. Jetzt ist die Unterstützung der Flüchtlinge dazu gekommen. Wie kann das Dekanat diese Aufgaben schultern?

Nur dank der engagierten Ehrenamtlichen, aber auch durch Kooperation mit anderen Initiativen. Die Tafeln in Büdingen, Ortenberg, Altenstadt, die Schülertafel im Schulzentrum am Dohlberg und die Kindertafel an der Düdelsheimer Schule bleiben in der Trägerschaft des Dekanats. Die Schottener Tafel mit der Ausgabestelle Nidda wird von einem Verein getragen, aber kirchlich Engagierte arbeiten dort mit. Ebenso sind die Unterstützerkreise für Flüchtlinge auf unterschiedliche Initiativen hin entstanden. Menschen aus vielen Kirchengemeinden, auch aus unserem neuen Dekanatssynodalvorstand, engagieren sich dort.

 

In beiden „Häusern der Kirche“ in Büdingen und Nidda sind auch Dienststellen des Diakonischen Werkes Wetterau. Nebeneinander oder Miteinander?

An beiden Standorten besteht eine gute Kooperation. Die Vernetzung ist unverzichtbar, gerade angesichts der Vielzahl der diakonischen Aufgaben. Dazu hat über Jahre Gerhard Wolf, sowohl als Leiter des DWW als auch Mitglied der Landes- und Präses der Niddaer Synode, beigetragen.

Abwanderung und Verödung des ländlichen Raumes – hat die Kirche etwas entgegenzusetzen?

Wir haben keine Zauberformeln für die Lösung dieses komplexen Problems, aber wir gehen Einzelschritte, um den ländlichen Raum lebendig zu erhalten: Arbeitsverbindungen mit dem Bauernverband, Kontakte mit nachhaltig arbeitenden bäuerlichen Familienbetrieben, Einkauf von regional Erzeugtem für Veranstaltungen. Aktive Kirchengemeinden mit Angeboten für Kinder und Jugendliche, für kreativ, musikalisch, literarisch Interessierte und für Senioren tragen zum Wohnwert von Kommunen bei.

 

Ehrenamtlich engagierte Christen gelten als „Schatz der Kirche“. Werden Pendler mit bis zu zwei Stunden Anfahrt zum Arbeitsplatz noch Ehrenämter übernehmen?

Bei Gemeindebesuchen bin ich erfreut, dass es 30-, 40-, 50-Jährige neben rüstigen Senioren in den Kirchenvorständen und in den Chören gibt. Viele Gemeindeglieder arbeiten lieber projektbezogen mit, nicht kontinuierlich. Arbeitsformen ändern sich. In traditionell geprägten Kirchengemeinden können Neubürger oft schwer einbezogen werden. Die wertschätzende Begleitung und Weiterbildung der Ehrenamtlichen ist eine wichtige Aufgabe der Kirche. Dekanatsintern haben wir es so aufgeteilt, dass der stellvertretende Dekan Wolfgang Keller für den gemeindepädagogischen Dienst und für die Ausbildung von Lektoren und Prädikanten zuständig ist und ich die Beziehungen zu den einzelnen Kirchengemeinden halte.

 

„Gottesdienst für wenige“ – auch im ländlichen Raum ein Problem?

Zielgruppenorientierte Gottesdienste, etwa für Familien zur Tauferinnerung, sprechen mehr Besucher an. Aber auch die schwach besuchten „regulären“ Sonntagsgottesdienste sind eine Chance, die Nähe Gottes zu spüren. Sie verdienen eine gute, nicht resignative Gestaltung.

 

Gleichgültigkeit, ja, Ablehnung der Kirche bei vielen – ist Verkündigung und Seelsorge auf dem Grund des christlichen Glaubens überhaupt noch möglich?

Die Wichtigkeit von Kirche hat sich meiner Meinung nach nicht geändert, Befragungen zeigen bei großen Teilen der Bevölkerung ein Vertrauenspotenzial. Die konventionelle Bindung „Kirchenmitgliedschaft gehört sich“ scheint geschwunden. Aber die Konfirmandenzahlen in der Region sind immer noch hoch, bisher nicht getaufte Jugendliche entscheiden sich in dieser Zeit oft für die Taufe mit Konfirmation und Kirchenbeitritt. Nöte und persönliche Krisen nehmen in der Gesellschaft zu. Ich bin der Meinung, dass christliche Seelsorge hier Halt, Begleitung und Unterstützung geben kann. Wichtige Kontaktebene sind die Kasualgottesdienste bei Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Bestattung. Hier bewegen wir uns als Pfarrer im persönlichen Raum anderer. Wenn es gelingt, uns einfühlsam auf die Menschen einzulassen, ihre Freude und ihre Trauer im besonderen Raum des Gottesdienstes auszudrücken, eine Glaubensantwort auf ihre Fragen zu finden, erleben sie Kirche.

 

Wo finden Sie Ausgleich zu anstrengenden Berufsaufgaben?

Das Singen in der Dekanatskantorei Büdingen macht mir große Freude. Auch wenn ich Gottesdienste halte, fühle ich mich als Teil der Gemeinde, die Gott begegnet.

 

Was treibt Sie an, den Aufgaben standzuhalten?

 

 

Die Kraft kommt aus dem Glauben, den Gottesdiensten, auch aus der Begegnung mit anderen Menschen. Oft stelle ich mir die Frage: Was würde Jesus Christus dazu sagen? Das hilft mir, Entscheidungen zu überdenken, auch Routinearbeiten standzuhalten. Das Amt ist für mich kein administratives, sondern ein geistliches Amt.