GEDENKEN AN TSCHERNOBYL

Plädoyer für einen Wandel der Werte

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Quelle: Kreis-Anzeiger 25.06.2016

 

 

(SCHOTTEN/det) - Zum Abschluss der Reihe „Erinnerung an die Zukunft – 30 Jahre Reaktorkatastrophe Tschernobyl“ hatten Rita Stoll (Fachstelle Bildung im Dekanat Büdinger Land) und Gert Holle (Fachstelle Öffentlichkeitsarbeit) Frank Uwe Pfuhl eingeladen, der über das Thema „Die unerträgliche Nachhaltigkeit des Seins“ referierte.

 

Pfuhl erläuterte das 1994 von Mathis Wackernagel und William Rees entwickelte Modell des Ökologischen Fußabdrucks. Dabei geht es um die Globalhektarfläche, die je nach Lebensstil und -standard für Nahrung, Kleidung, Energieerzeugung, Mobilität oder Abfallentsorgung eines Menschen gebraucht wird. In Deutschland verbrauchen die Bürger erheblich mehr als die durchschnittlich zur Verfügung stehenden 1,7 Globalhektar. Pfuhl: „Für unseren Lebensstil brauchten wir mindestens 2,7 Mal die auf der Erde verfügbaren Ressourcen.“

 

Aufnahmen davon, wie im Kongo unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen Coltan für die Produktion von Smartphones gefördert wird, Grafiken über die Begrenztheit leicht abbaubarer Ölreserven, der Blick auf abschmelzende Polkappen – ein besorgniserregendes Bild baute sich auf. Es wurde unterfüttert durch Zitate aus einer Bundeswehrstudie, aus der hervorgeht, dass es bei dramatischen oder lang anhaltenden Versorgungsengpässen an Grundressourcen zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen komme könne. Pfuhl wies nach, wie die alltägliche Ernährung an der Ölversorgung hängt. Rechne man den Energieverbrauch beim Herstellungsprozess und Transport ein, müssten zehn Energiekalorien für eine Nahrungskalorie aufgebracht werden. Die Folgen seien Klimaextreme mit verheerendem Starkregen, Dürre, Bodenerosion und Artensterben.

 

 

Pfuhl plädierte für einen Wandel der Werte und Verhaltensweisen und verwies auf Carsharing, Passivhäuser oder das Blockheizkraftwerk des Energiedorfes Bergheim. Gebündelt sind viele Ansätze im Modell der Transition Towns (Städte im Wandel), entwickelt vom irischen Umweltschutzaktivisten Rob Hopkins, Autor des „Energiewende“-Buches. Pfuhl ging auf das Konzept ein, das zumindest punktuell auch in Stadtteilen einiger deutscher Großstädte umgesetzt wird: mehr Gemeinschaftsaktionen wie das Gärtnern auf öffentlichen Flächen oder gegenseitige Hilfe in der Kinderbetreuung, Wandern, Radfahren und sanfter Tourismus in der Region statt Kurztrips per Flieger auf andere Kontinente, kulturelle Aktivitäten vor Ort, Tauschbörsen statt Kaufrausch, Einarbeiten in „vergessene“ Techniken. Pfuhl verwies auf vergleichbare Modelle in der Region, etwa das Netzwerk „Wetterau im Wandel“.

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