TSCHERNOBYL-INITIATIVE:  Ausstellung thematisiert eindrücklich die Reaktorkatastrophe und ihre Folgen / Veranstaltungsreihe

Erinnerung an die Zukunft

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

9.06.2016

 

Quelle: Kreis-Anzeiger 9.06.2016

 

(SCHOTTEN/em) - Mit der Eröffnung der Ausstellung „Erinnerung an die Zukunft“ im Bürgerbüro begann die Veranstaltungsreihe von Tschernobyl-Initiative und dem Evangelischen Dekanat Büdinger Land in Kooperation mit dem Verein Erneuerbare Energien und der Stadt Schotten. Die Ausstellung, von der Friedensbibliothek und dem Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg zusammengestellt, hätte auch „Gegen das Vergessen“ überschrieben sein können – der Super-GAU im Mai 1986 ist für viele schon Vergangenheit, selbst die Erinnerung an Fukushima 2011 scheint auch schon verblasst. Dagegen ist die Stärke der gezeigten Bildfolge, dass sie den Opfern ein Gesicht gibt. Mit verhaltener Geigenmusik wurde auf das ernste Thema eingestimmt. Sergej Walter spielte das Adagio aus der Sonata Nr. 1 und zwei Sätze aus der Partita Nr. 1 von Johann Sebastian Bach.

 

Der stellvertretende Dekan Wolfgang Keller konnte Vertreter der Initiative, der Kirchengemeinde, des Dekanats und der Kooperationspartner begrüßen. „30 000 bis 60 000 unmittelbare Todesfälle waren die Auswirkung des Brandes im Block von Tschernobyl. Die radioaktive Wolke kontaminierte 40 Prozent der Fläche Europas mehr oder weniger. Hinter den Zahlen stehen individuelle Menschenschicksale“, meinte er. Doch statt zu resignieren, gelte es zu beten, zu hoffen und zu handeln. Ein Zeichen dafür sei der 13. Erholungsaufenthalt weißrussischer Kinder in Schotten. Keller dankte den Aktiven der Tschernobyl-Initiative wie den Kooperationspartnern der Ausstellung. 

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

Jutta Kneißel, Vorsitzende des Vereins Erneuerbare Energien, erinnerte an Energiewende-Aktivitäten, etwa die Aufstellung der drei Windräder in Betzenrod einige Zeit nach dem Super-GAU. Aus der Erfahrung mehrerer Erholungsaufenthalte schilderte Annelore Beljanski, Vorsitzende der Tschernobyl-Initiative, die Gesundheitsschäden der Kinder, aber auch die Hilfsbereitschaft der Schottener Bevölkerung und nannte die kostenlose Vorstellung bei den Zahnärzten. Sie lud zum Benefizkonzert des Heart-Chores am 17. Juni in der Liebfrauenkirche: „Jede Konzertkarte hilft uns weiter.“

 

„Das Bürgerbüro soll ein Raum für Kunst wie auch für Denkanstöße hinsichtlich gesellschaftlicher Aufgaben sein“, betonte Bürgermeisterin Susanne Schaab. So würden viele Besucher auf die Ausstellung aufmerksam. Es sei bedrückend, wie auch in den aufgeklärten Demokratien Lobbygruppen es fertigbrächten, Gefahren herunterzuspielen, die Bürger ruhig zu halten. Unabhängige Multiplikatorengruppen wie hier und ihr Einsatz für Energiewende und Abrüstung seien ein Hoffnungsschimmer. „Im Interesse der nationalen Sicherheit“: Bildern und Aussagen von Atomtest-Betroffenen der 50er und 60er Jahre, von US-Bürgern aus Utah, Arizona und Tennessee, sind zu sehen. Ist zivile Kernkraftnutzung „harmloser“ als militärische? Dramatische Bilder, aufgenommen kurze Zeit nach dem Tschernobyl-GAU, werden gezeigt. Ein im brennenden Kraftwerk eingesetzter Feuerwehrmann auf der Intensivstation ist von einer Art durchsichtigem Plastikzelt umgeben. Nur mit Bleischürze und -handschuhen hantiert die Krankenschwester, darf den Patienten nicht unmittelbar berühren. Das Schutzzelt ist gleichzeitig Gefängnis und unerträgliche Isolation. Die Katastrophe wirkt noch nach Jahrzehnten weiter. „Anja Pesenko, mit fünf Jahren an einem Gehirntumor erkrankt, jetzt 15 Jahre, dauernd pflegebedürftig“ – mit großen Schwarz-Weiß-Aufnahmen und knappsten Aussagen wird das Leiden Betroffener gezeigt. Die Bedrohung zieht sich durch den Alltag: „Man hat mir ein Strahlenmessgerät gegeben. Immer tickt es: Wenn ich saubere Wäsche von der Leine nehme, beim Kochen, beim Kuchenbacken...“ Aussagen beteiligter Wissenschaftler stehen daneben: „Kernkraft ist ihrem Wesen nach nicht sicher, wie ihre Befürworter behaupten. Sie ist ihrem Wesen nach unsicher“, meinte Arthur H. Purzek, Mitglied der Untersuchungskommission nach dem Tschernobylbrand.

 

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Die Präsentation ist bis Donnerstag, 23. Juni, im Bürgerbüro der Stadt Schotten zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Mittwoch von 7.30 bis 16.30 Uhr, Donnerstag 7.30 bis 19 Uhr, Freitag 7.30 bis 12.30 Uhr und Samstag 9 bis 11 Uhr.

Fotos: Gert Holle

Benefizkonzert

  • Mit einem Benefiz-Konzert am Freitag, 17. Juni, um 19.30 in der Liebfrauenkirche unterstützt der Heart-Chor Kefenrod die Tschernobyl-Initiative Schotten. Die Einnahmen helfen bei der Finanzierung des 13. Aufenthalts von Kindern aus verstrahlten Gebieten Weißrusslands. Der Heart-Chor Kefenrod wurde 2001 unter dem Dach des Gesangvereins 1868 Kefenrod gegründet. Damals waren es sieben Mitglieder, heute gehören über 30 Sängerinnen und Sänger zum Ensemble. Geleitet und geprägt wird der Heart-Chor nun seit mehr als zehn Jahren von Michael Habermann. „Titel, die uns bewegen“: Das junge Ensemble singt in Schotten die schönsten Popsongs und Liebeslieder im unverwechselbaren Heart-Chor-Stil. Kartenvorverkauf gibt es im Bürgerbüro der Stadt Schotten, bei Elkes Buchladen, im Gemeindebüro Schotten und bei der Tourist-Information im Gelben Haus, in Nidda beim Bürgerservice, bei der Kur- und Touristik in Bad Salzhausen, bei der VR-Bank Nidda, in Büdingen beim evangelischen Gemeindebüro, der Hellerschen Buchhandlung oder dem Touristikbüro am Markt. Bestellt werden kann auch über die kostenpflichtige Hotline 0180/5060400 oder per E-Mail musikmomente@dekanat-schotten.de oder bei www.adticket.de.homepront.