Freude, Ausdruck und Rhythmus statt Perfektion

veröffentlicht 03.06.2026 von Judith Seipel, Kirche im Evangelischen Dekanat Büdinger Land

Die Gospelchöre aus Schotten und Gedern unter der Leitung von Dekanatskantor Kiwon Lee werden 25 beziehungsweise 15 Jahre alt und geben aus diesem Grund zwei gemeinsame Konzerte.

„Seid ihr zufrieden?“, fragt der Chorleiter in die Runde. „Ja“, rufen gut 30 Sängerinnen und Sänger und es klingt sehr überzeugt. „Ich aber nicht!“, entgegnet der Chorleiter. Alle müssen lachen. Wer glaubt, dass Lernen immer mit Ernst und Strenge einhergehen muss, wird bei der Probe des Schottener Gospelchors „Father’s Children“ eines Besseren belehrt. Die Stimmung ist gelöst, alle sind maximal gut gelaunt. Und ihnen gegenüber strahlt Dekanatskantor Kiwon Lee Zuversicht aus: Es wird gut werden.

Muss es auch. Denn „Father’s Children“ feiern ihr 25-jähriges Bestehen. Gemeinsam mit dem Gospelchor Gedern, den Kiwon Lee ebenfalls leitet und der seit 15 Jahren besteht, laden sie für den 20. und 21. Juni zu zwei Jubiläumskonzerten ein. 

Heute proben sie zum ersten Mal gemeinsam – und werden in den Konzerten zum ersten Mal „komplett auswendig“ singen, wie Carmen Butzer, eine Schottener Sängerin der ersten Stunde, sagt. Was leicht aussieht, erfordert Disziplin: Gesang, Bewegung und rhythmisches Klatschen müssen präzise aufeinander abgestimmt sein. „Wir sind ein Chor, keine Tanzgruppe“, mahnt der Dirigent, als die Bewegungen zu ausgelassen werden.

Wenn der Text nicht sitzt, kann keine Harmonie entstehen, deshalb „bitte zu Hause auswendig lernen“, ermahnt Lee und feilt mit den Sängerinnen und Sängern an der Aussprache des englischen „th“, jenes „ti-äitsch“ das uns Deutschen nicht so leicht über die Lippen gehen will. 

Mit jedem Durchgang von „Every Praise“, einem modernen Gospelstück, wird der Gesang kraftvoller und wächst das Vertrauen in das eigene Können. „Ich freu‘ mich, wir haben alle großen Fehler korrigiert“, lobt Kiwon Lee schließlich. „Jetzt noch ein bisschen Feinschliff.“

Seit 2010 leitet der aus Südkorea stammende Kirchenmusiker den Schottener Chor. „Er hat noch einmal richtig Schwung in den Laden gebracht“, sagt Carmen Butzer, „inzwischen fällt es uns schwer, stillzustehen.“ 

Angefangen hat alles 2001. Aus einem Jugendchor ist der Gospelchor hervorgegangen. Die ersten Proben fanden im Wohnzimmer des damaligen Kantors Merkel statt. „Wir waren eine kleine Gruppe, aber der Chor ist schnell gewachsen, weil wir viel Zuspruch hatten“, so Carmen Butzer weiter. Viele aus der Anfangszeit singen noch immer mit in dieser Formation.

„In den vergangenen 15 Jahren allerdings hat es bei uns nur wenige Veränderungen gegeben“, ergänzt Britta Hartmann. So kämpft auch dieser Chor mit Nachwuchssorgen – und einem Mangel an Männern. Nur fünf singen in dieser Probe mit. 

Einer von ihnen ist Christian Schick. „Ich wurde angelockt“, erzählt er. Anfangs war er unsicher. Singen? „Als Junge war ich im Kinderchor, später habe ich auf Demos gegen Pershings gesungen und dann ,Anne Kaffeekanne‘ mit den Kindern. Das war’s.“ Heute ist er überzeugt: „Die Proben mit Kiwon sind einfach immer richtig gut, egal, wie der Tag war. “ 

Sie sei in ihre allererste Gospelchorprobe regelrecht hineingestolpert, berichtet Ingrid Becker. „Rausgegangen bin ich dann auf Wolke 7. Das hat mich abgeholt und mitgenommen, weil es so eine coole und zugleich innige Art ist, Musik zu machen.“ 

„Nicht jede und jeder hat die Stimme für Chormusik“, erklärt Ingrid Hruschka. „Das hier ist eine vollkommen andere Art zu singen.“ Freude, Spontanität, Rhythmus und Ausdruck zählen mehr als Perfektion. Das senkt die Einstiegshürde. 

Die beiden Gospelchöre tun der Seele gut, sagt eine Sängerin. Die Chorarbeit habe viele durch Höhen und Tiefen begleitet und Trost gespendet. Für den „harten Kern“ ist der Chor unverzichtbar. 

Info

Beide Chöre freuen sich über weitere Sängerinnen und Sänger. Der Chor „Father’s Children“ probt donnerstags um 20 Uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Schotten. Im ersten Halbjahr stehen Gospels auf dem Programm, im zweiten Halbjahr Rock- und Popsongs für das Weihnachtsmarktkonzert. „Nach den Sommerferien ist ein guter Zeitpunkt für den Einstieg“, sagt Carmen Butzer.

Der Gospelchor Gedern trifft sich alle zwei Wochen montags im Gemeindehaus. Er entstand vor 15 Jahren auf Initiative des damaligen Pfarrers Kurt Johann. Er singt vor allem in Gottesdiensten. 

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Die beiden Jubiläumskonzerte finden am Samstag, 20. Juni, um 19 Uhr in der Evangelischen Kirche in Gedern und am Sonntag, 21. Juni, um 17 Uhr in der Liebfrauenkirche Schotten statt.