Wolken am Himmel angestrahlt von untergehender Sonne. © Birgit Arndt / fundus.media

Himmlische Impulse

Gedanken zum Sonntag

„Sondervermögen“ – Zum Unwort des Jahres 2025

von Maria-Louise Seipel
für den 18. Januar 2026

Sondervermögen - so heißt das Unwort des Jahres 2025. Die Jury begründet ihre Wahl damit, dass das Wort suggeriere, es gäbe bislang unbekannte Rücklagen, eine Art geheimen Topf, der gut gefüllt ist. Es klingt so, als wäre irgendwo dieser riesige Haufen Geld, den bisher einfach noch niemand angetastet hat. 

Die Wahrheit ist allerdings eine andere. Es handelt sich um neu aufgenommene Schulden. Geld, das noch nicht da ist, wird ausgegeben, als wäre es vorhanden. Das Wort verschleiert, dass die Last verschoben wird. Es gaukelt eine Fülle vor, wo keine ist. Es beruhigt, während die Rechnung wächst. Die Kritik, die mit der Wahl der Jury verbunden ist, richtet sich vornehmlich an politische Entscheidungsträger. 

Aber wir kennen das auch persönlich – und ich rede nicht über Ihr Bankkonto. Wie oft tun wir so, als hätten wir Reserven. Kraft, Aufmerksamkeit oder Zeit, obwohl das innere Konto eigentlich leer ist.  Anstatt innezuhalten oder abzusagen, machen wir weiter. Anstatt das leere Energiekonto am Wochenende wieder zu füllen, dreht sich das Hamsterrad weiter. Wir glauben, wir könnten durchhalten, ohne zu merken, dass wir die eigene Grenze überschreiten. Wir nennen es Einsatz oder Pflicht. Das Etikett ändert nichts an der Bilanz. Die Überziehung zeigt sich in Gereiztheit und Erschöpfung.

Draußen ist Winter. Der Winter macht uns einen Gegenvorschlag: Die Natur hält inne. Sie ruht, ohne Erklärung. Sie zieht sich zurück. Sie blüht nicht weiter, lässt sich dazu auch nicht drängen oder überreden. Der Winter macht deutlich, dass Pausen notwendig sind. Er zeigt, dass Energie begrenzt ist.

Der Winter lädt ein, hinzuschauen, wann unsere eigenen Reserven erschöpft sind. Nicht warten, bis das innere Konto überzogen ist. Nicht so tun, als gäbe es ein inneres „Sondervermögen“.

Das gilt für kleine Entscheidungen: für die Stunden, in denen wir bewusst eine Pause einlegen, für die Momente, in denen wir Aufgaben verschieben, statt uns zu überlasten. Es gilt ebenso für größere Zusammenhänge: für die Ansprüche, die wir an uns selbst stellen, und für die Art, wie wir unseren Alltag planen. Alles, wofür wir einen „Kredit“ aufnehmen, hinterlässt Spuren. Früher oder später kommt die Rechnung, dann müssen wir zurückzahlen, was längst ausgegeben ist. Mit Zinsen.
 
Sondervermögen ist ein Wort für Verschleierung. Für das Verschieben von Lasten. Das gilt für Geld und für uns selbst. Wir sollten ehrlich zählen, was da ist, bevor wir etwas ausgeben.

Maria-Louise Seipel ist Referentin des Evangelischen Dekanats Büdinger Land für Bildung und Gesellschaftliche Verantwortung

Auf einem Tisch liegen eine Bibel und ein Block. Man sieht zwei Hände, die einen text schreiben.Tobias Frick/fundus-medien.de

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