Wolken am Himmel angestrahlt von untergehender Sonne. © Birgit Arndt / fundus.media

Himmlische Impulse

Gedanken zum Sonntag

Worauf blicken wir?

von Ulrich Bauersfeld
für den 4. Januar 2026

Vor einiger Zeit fiel mir ein Buch von Richard Wurmbrand in die Hände. Während der nationalsozialistischen Zeit und später während des Kommunismus war er starker Verfolgung ausgesetzt und verbrachte insgesamt 14 Jahre in Gefängnissen – oft unter extremen Bedingungen.

„In solcher Situation ist der Mensch vor eine Wahl gestellt“, – schreibt er in seinem Buch „Kleine Noten, die sich mögen“. Er erläutert dies anhand eines japanischen Gemäldes, das ein Wohnzimmer abbildet. Auf der einen Seite des Raumes steht ein wunderschöner Blumenstrauß, auf der anderen Seite ein Fernseher. Dieser zeigt gerade, wie ein Mann einem anderen den Kopf abschlägt.

Auffällig ist das Verhalten der Menschen in diesem Raum. Sie alle schauen gebannt oder entsetzt auf den Fernseher. Niemand aber richtet seinen Blick auf die Blumen.

Dieses Gemälde wurde Wurmbrand zum Gleichnis für sein eigenes Erleben im Gefängnis. Er konnte auf all das Grausame blicken, das ihn umgab: die Mauern und Gitter, die Folterer und ihre Werkzeuge. Wenn er jedoch allein sie im Blick gehabt hätte, wäre er zugrunde gegangen. Aber er konnte „auch zu Gott aufblicken“, schreibt er, „und auf die Welt der Engel schauen. Und man kann in der Phantasie die freundlichen Episoden seines Lebens wiedererstehen lassen. Christus half mir, dies zu tun.“

Richard Wurmbrand hat die Gefängnisse überlebt – auch aufgrund seines inneren Blickes, den er immer wieder versucht hat auf das zu richten, was ihm Halt geben konnte.

Das Schlimme war damit nicht aus der Welt. Aber er konnte seinen Weg gehen. Denn es macht einen Unterschied, wohin wir unseren inneren Blick richten: allein auf das Böse, Furchtbare – oder eben immer wieder auf das Gute in unserem Leben.

Das Schlimme sollen wir nicht leugnen. Wir müssen es wahrnehmen und – wenn möglich – dagegen angehen. Doch es darf uns nicht völlig bestimmen. Wir brauchen unseren inneren Blick auf etwas anderes: auf das, was uns Mut macht oder einfach Freude, was uns an Gutes erinnert oder Hoffnung gibt. Für mich ist hier zuerst der Blick auf Gott wichtig, auf Jesus Christus und auf die Hilfe, die er mir schon gegeben hat, das Gute, das ich schon erfahren konnte. Er gibt mir Hoffnung für die Gegenwart und für die Zukunft – auch für das begonnene Jahr, trotz allem, was an Schwierigem geschehen kann.

Ulrich Bauersfeld, Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht und stellvertretender Dekan des Dekanats Büdinger Land

Auf einem Tisch liegen eine Bibel und ein Block. Man sieht zwei Hände, die einen text schreiben.Tobias Frick/fundus-medien.de

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