Schon als Kind wollte Markus Christ verstehen, wie die Welt im Kleinen und im Großen zusammenhängt. Als Schüler suchte er Antworten in den Naturwissenschaften, wählte in der Oberstufe Physik und Chemie als Leistungskurse. Und dann war da noch dieses „Buch mit sieben Siegeln“, die Bibel, das er verstehen und für sich „begreifbar machen“ wollte. Dass diese Interessen schließlich in ein Theologiestudium münden sollten, „weil doch alles mit allem zusammenhängt“, war nicht unbedingt absehbar. Aus Markus Christ, 1961 in Gettenau geboren und aufgewachsen, hätte auch ein Landwirt wie sein Vater werden können.
Er wurde Pfarrer. 40 Jahre lang hat er diesen Beruf gelebt. Jetzt geht er in den Ruhestand und entledigt sich des Diktats seines Terminkalenders. „Aber ich bleibe ein Suchender“, bekennt er. Ein Suchender, der darauf vertraut, Antworten auf seine Fragen zu finden. „Die Bibel ist so ein großer Schatz, darin stecken tiefe Weisheiten für das ganze Leben. Das gibt mir Kraft“, sagt Markus Christ.
Theologische Fragen zu erörtern, sei ihm immer wichtig gewesen, auch in der Zusammenarbeit mit dem Kirchenvorstand. „Ich wollte die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher sprachfähig machen: Was glaube ich denn eigentlich und wie erschließe ich mir biblische Geschichten?“
Die meiste Zeit seines Berufslebens, nämlich 31 Jahre, hat Markus Christ in der Evangelischen Kirchengemeinde Langen-Bergheim verbracht. „Ich bin nicht der Beweglichste“, sagt er, wie um sich zu entschuldigen. Keine Frage: Der 65-Jährige ist ein bodenständiger Mensch. Studium in Marburg, Vikariat in Kinzenbach, erste Pfarrstelle in Gelnhaar und schließlich Langen-Bergheim in der Großgemeinde Hammersbach am südlichen Rand des Dekanats Büdinger Land. Hier schlug er mit seiner Frau Marianne Wurzeln, und hier wird das Paar auch weiterhin leben.
Wer so verbunden ist, hält sich nicht heraus, wenn es vor der eigenen Haustür knirscht. Im Konflikt um das Gewerbegebiet Limes positionierte sich Markus Christ öffentlich und ausdrücklich für den Schutz von Flächen und Boden. Ist er also ein politischer Mensch? „Jeder Mensch ist politisch. Als Christ ist man immer politisch, aber die Argumentation ist nicht parteipolitisch, sondern theologisch “, antwortet er. Viele Menschen erhofften sich von der Kirche ein klares Wort, in diesem Fall zur Bewahrung der Schöpfung. Allerdings könne man dabei leicht zwischen die Blöcke geraten. „Die politische Mitte lobt dich, wenn du dich gegen Rassismus und Antisemitismus stellst. Aber wenn du parteipolitische Entscheidungen kritisierst, kriegst du Gegenwind. Haltung zu bewahren, um nicht vereinnahmt zu werden, ist nicht immer leicht.“
Markus Christ fand freilich auch den Weg hinaus in die Welt. In den 2000er Jahren legte die damalige Dekanin Sabine Bertram-Schäfer im noch selbstständigen Dekanat Büdingen die Kirchenpartnerschaft mit der südindischen Diözese East Kerala mit in seine Hände. Das habe ihn zunächst „viel Kraft gekostet“, erinnert er sich. Die Frage, wie das bloß werden soll, trieb ihn um. Um es vorwegzunehmen: Es wurde gut, sehr gut sogar.
Zum ersten Mal verließ er den Kontinent und „war sofort fasziniert, auch wenn ich gar nichts verstanden habe“, als er indischen Boden betrat. Schon bald verbrachte er eine dreimonatige Studienzeit in East Kerala. Seither hat er die Diözese mehrfach besucht. „Von dem Hintergrundwissen, das ich mir angeeignet habe, hat die Partnerschaft auf beiden Seiten profitiert“, ist er überzeugt. Überdies sind persönliche Beziehungen gewachsen. So wird der frühere Bischof Daniel mit seiner Familie bei der Verabschiedung von Markus Christ am 4. Oktober dabei sein.
Den Ruhestand sieht Markus Christ als Herausforderung. „Ich bleibe ja Pfarrer, doch ich bin nicht mehr zuständig.“ Ab 18. Oktober ist er raus aus dem Pfarramt, dann übernimmt seine Kollegin Tanja Langer. Die Veränderungen innerhalb der Kirche beobachtet er „mit Sorge“. „Aber ich kann es nicht aufhalten, das macht mir das Herz manchmal schwer.“
Auf ihn warten jetzt neue Aufgaben. Seine Eltern, 94 und 89 Jahre alt, sind zunehmend auf Unterstützung angewiesen. Seine Frau, die stets hinter ihm stand, freut sich auf gemeinsame Zeit. Er selbst ist gespannt, wie es sich anfühlen wird, nicht mehr „permanent im Stand-by“ zu sein.
Eine Konstante in seinem Leben ist neben dem Glauben die Musik. „Im Chor erfahre ich Spiritualität gemeinsam mit anderen noch einmal ganz anders. Blasmusik ist Ausdruck von Lebensfreude“, erklärt er. Schon als Junge hat er Klavierspielen gelernt. Im Musikverein Gettenau kam die Klarinette hinzu, die er später mit professionellem Unterricht verfeinerte. Daraus entstand das Klarinettenquartett Quattrio. „Ich bin bei allem kein Profi, aber es macht mir großen Spaß“, sagt Markus Christ. Auch das Orgelspiel beherrscht er so gut, dass er im Gottesdienst, wenn Not am Mann ist, selbst den Gemeindegesang begleitet.
INFO: Der Gottesdienst zur Verabschiedung von Pfarrer Markus Christ findet am Sonntag, 4. Oktober, um 14 Uhr in der Evangelischen Kirche Langen-Bergheim statt. Die Entpflichtung wird Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer vornehmen. Im Anschluss an den Gottesdienst lädt die Kirchengemeinde zu einem Empfang in das benachbarte Gemeindehaus ein.