„Durch und durch Dorfpfarrer“ sei er, sagt Burkhard Zentgraf von sich selbst. Etwas Anderes habe er sich nie vorstellen können. Der Dorfpfarrer, das ist einer, den man beim Einkaufen trifft, der weiß, wo gerade der Haussegen schief hängt, wer Zuspruch braucht und der in Vereinen mitmischt. So jedenfalls das Ideal, in dem sich Wunschbild und Klischee vermischen. Für Burkhard Zentgraf in weiten Teilen gelebter Alltag.
In Burkhards, wo er seit fast 20 Jahren daheim ist und arbeitet, hat er seinen Platz gefunden. Er ist nah bei den Menschen und fühlt sich ihnen verbunden, auch wenn er keinem Verein angehört. Ende des Monats geht er in den Ruhestand. Er geht zu einer Zeit, in der das klassische Bild des Dorfpfarrers immer seltener zur Realität einer Kirche im Wandel passt. Gemeinden werden größer, Zuständigkeiten weiter und nicht zu jeder Kirche gehört noch ein Pfarrer. Sonntagsgottesdienst im Dorf ist nicht mehr selbstverständlich.
Fällt ihm der Abschied also leicht? Burkhard Zentgraf, der mit 66 Jahren das Ruhestandsalter erreicht hat, sagt, er hätte sich gut vorstellen können, noch weiterzuarbeiten. Aber gesundheitliche Probleme zwingen ihn, kürzer zu treten.
Die Pfarrergeneration, die jetzt in den Ruhestand geht, wurde vielerorts noch für die Rolle des „Einzelkämpfers“ ausgebildet: ein Pfarrer, eine Gemeinde, eine klare Zuständigkeit. Jetzt arbeiten Pfarrerinnen und Pfarrer mit Kirchenmusikerinnen, Kirchenmusikern, Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen in sogenannten Verkündigungsteams. Zusammen gestalten sie das Gemeindeleben in größeren regionalen Verbünden.
Die Teamarbeit ist für Burkhard Zentgraf nichts Neues. Zur halben Pfarrstelle in Burkhards gehört seit Jahren eine halbe Stelle in Gedern, wo er eng mit den jeweiligen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeitet. „Gerade in der Konfirmandenarbeit mit meiner Kollegin Kerstin Hillgärtner habe ich richtig gute Erfahrungen gemacht“, sagt er. Seine Schwerpunkte in Gedern: Gottesdienste und Seelsorge in den beiden Altenheimen, Hausbesuche sowie Beerdigungen – Aufgaben, die ihm besonders am Herzen liegen.
Als er 2007 nach Burkhards kommt, ist es „Liebe auf den ersten Blick“. Nach dem Studium in Neuendettelsau, Tübingen und Zürich sowie ersten beruflichen Stationen in Frankfurt, Groß-Rohrheim, Stockheim, Nieder-Ohmen und Lich fühlt sich der Schritt in den Vogelsberg an wie ein Heimkommen. Denn Burkhard Zentgraf ist Vogelsberger. 1960 geboren, verbringt er seine frühe Kindheit auf einem Bauernhof in Nieder-Moos. „Ich bin mit dem Leben hier in den Dörfern bestens vertraut.“ Der Menschenschlag, oft charakterisiert als wortkarg, aber herzlich, bodenständig und naturverbunden, entspreche genau seiner Mentalität, bekennt er. Nur den Vogelsberger Dialekt, den lernt er nicht, weil seine aus Ostpreußen stammende Mutter darauf achtet, dass ihr Sohn Hochdeutsch spricht.
Nach der Scheidung der Eltern heiratet seine Mutter einen Witwer mit vier Söhnen. Ein gemeinsamer Sohn komplettiert die Patchwork-Familie. Seinem Stiefvater, dessen Nachnamen Zentgraf er später annimmt, ist Bildung sehr wichtig, erzählt Burkhard Zentgraf. „Er bestand darauf, dass alle sechs Söhne Abitur machen und studieren.“
Der Religionsunterricht am Gymnasium in Lauterbach, wo Burkhard Zentgraf Abitur macht, motiviert ihn, sich mit Theologie zu befassen, unter anderem in einem selbstorganisierten Jugendbibelkreis. Sieben von diesen Schülerinnen und Schülern studieren Theologie, darunter der spätere Kirchenpräsident der EKHN, Volker Jung, der aus Schlitz stammt.
Es ist die Zeit, in der man von einer „Pfarrerschwemme“ spricht, eine widersprüchliche Zeit voller Erwartungen und begrenzter Perspektiven. Keine rosigen Berufsaussichten für die angehenden Theologinnen und Theologen, was sich unter anderem in einem hohen Leistungsdruck zeigt, erinnert sich Burkhard Zentgraf.
Jetzt klingt sein Berufsleben aus. Noch ist einiges zu tun: Einige Gottesdienste und zwei Trauungen wechseln ab mit dem Abbau restlicher Urlaubstage. „Es gibt keinen harten Schnitt“, so Zentgraf. Auch im Pfarrhaus bleibt er zunächst wohnen mit seinen beiden Katzen Hartwig und Nora. Onkel und Nichte seien sie und zugelaufen.
Dass der Burkhardser Pfarrer ein ausgezeichneter Flötist sei, vernimmt man in Musikerkreisen immer wieder. Burkhard Zentgraf nickt, lächelt – und will davon kein weiteres Aufheben machen. Er lebt diese Passion im Stillen, übt, spielt und komponiert, unter anderem für Orgel und Flöte. An Nachfragen, seine Kunst zu zeigen, mangelt es nicht, aber „ich habe leider nicht die Nerven, öffentlich aufzutreten“, sagt er entschuldigend. Wer weiß. Als Ruheständler jedenfalls will er wieder Flöten-Unterricht nehmen. Eine Lehrerin hat er dafür schon gefunden.
Info
Der Gottesdienst mit der Entpflichtung Burkhard Zentgrafs findet am Sonntag, 21. Juni, um 14 Uhr in der Evangelischen Kirche in Burkhards statt (im Gemeindebrief steht versehentlich Gedern). Dekanin Birgit Hamrich und Pfarrer Zentgraf werden diesen Gottesdienst gestalten. Im Anschluss ist die Gemeinde zur Kaffeetafel im Dorfgemeinschaftshaus nach Kaulstoß eingeladen. Dort werden auch Grußworte gesprochen.