Irgendwann fährt der Bürocomputer zum letzten Mal runter oder schließt sich die Tür einer Werkstatt oder Pflegeeinrichtung hinter denjenigen, die sich in den Ruhestand verabschieden. Der Druck der Arbeit ist weg, allerdings auch die Aufgabe, die Tagesstruktur, die Kolleginnen und Kollegen. Was bleibt, ist bei vielen die Frage, was nach dem Berufsleben kommt.
„Mir war schon ein wenig mulmig“, erinnert sich eine Teilnehmerin an die Zeit vor dem Kurs. Wie die anderen Teilnehmer auch möchte sie nicht mit ihrem Namen in der Öffentlichkeit erscheinen. Ihr Ruhestand beginnt im kommenden Frühjahr. Womit sie dann ihre Tage füllt, weiß sie zwar noch nicht genau, dennoch sei sie inzwischen beruhigter. Der Austausch mit den anderen Teilnehmenden habe ihr „den Blick eröffnet, anders zu denken“.
Wegweiser über fünf Stationen
„Wir bieten einen Austausch unter Anleitung“, beschreibt Britta Laubvogel, ehemalige Bildungsreferentin des Evangelischen Dekanats Wetterau, den „Wegweiser über fünf Stationen“. Sie selbst hatte vor ihrem Ruhestand nach einer Möglichkeit gesucht, sich auf die neue Lebensphase vorzubereiten, und nichts Passendes gefunden. Gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen aus anderen Dekanaten hat sie schließlich ein Konzept entwickelt für Menschen, die kurz vor oder bereits im Ruhestand sind. Seit 2021 werden die Seminare online angeboten.
An den fünf Abenden geht es um den Abschied aus dem Berufsleben, um Gewohnheiten und Rituale. Die Teilnehmenden beschäftigen sich mit dem Loslassen, dem Übergang zu Neuem, mit eigenen Ressourcen und schließlich mit dem Ankommen in der neuen Lebensphase. Die Kursleiterinnen und -leiter geben Impulse für Gespräche in Kleingruppen, stellen Arbeitsblätter zur Verfügung und schließen jeden Termin mit einem spirituellen Impuls. Zudem bekommen die Teilnehmenden Unterlagen für ein „Reisetagebuch“ mit Anregungen und Informationen zum Thema.
Was es nicht gibt, seien Rezepte oder Checklisten, sagt Rita Stoll, bis zu ihrem Ruhestand beim Dekanat Büdinger Land zuständig für Bildungsarbeit. Die Gespräche und Impulse sollen helfen, den jeweils eigenen Weg in die neue Lebensphase zu finden.
„Manche fühlen sich schuldig, weil sie noch keinen Plan für die Zeit nach der Berufstätigkeit haben“, beschreibt Laubvogel die Situation von Teilnehmenden. Für sie sei es schwierig, vom „Tun zum Sein“ zu kommen.
Über den Ausblick auf die Rente freuten sich viele Menschen, beobachtet Pfarrer Joachim Naurath, Bildungsreferent im Dekanat an der Lahn. Angst und Unsicherheit nähmen mitunter dann zu, wenn der Abschied aus dem Arbeitsleben näher rückt. Je nachdem, welche Rolle der Beruf in einem Leben gespielt hat, werde die Frage drängender: „Wer bin ich ohne meinen Beruf, was bleibt von mir?“
Leistungsdruck abtrainieren
Einer der Kursteilnehmer etwa hatte bis zum letzten Tag seines Arbeitslebens im vergangenen Jahr einen eng getakteten Alltag. Einen Mangel an Aufgaben sieht der ehrenamtlich in einer Kirchengemeinde engagierte Ruheständler für sich zwar nicht, aber er habe sich gefragt, wer er denn sei, wenn er gar nichts leisten muss. „Den Leistungsdruck muss ich mir regelrecht abtrainieren“, gesteht er. Dabei habe ihm die spirituelle, christliche Dimension des Kurses geholfen und die Erkenntnis, eine von Gott geliebte Person zu sein.
Auch im Leben einer selbstständigen Therapeutin hat der Beruf eine große Rolle gespielt. Ihr geht es nicht darum, neue Aufgaben zu finden, sondern mehr um die Frage: „Wer bin ich jetzt ohne meinen Beruf?“ Heute sei ihr klarer, dass die Antwort auf diese Frage mit einem Prozess verbunden ist, für den sie Zeit braucht und der vielleicht auch nie zu einer eindeutigen Antwort führt.
Eine andere Teilnehmerin weiß noch nicht so recht, wohin der angestoßene Prozess sie führen wird. Sie habe Lust, Neues zu entdecken, sagt sie und fügt hinzu: „Und ich will tanzen.“
Der nächste Online-Kurs mit den Wegbegleiterinnen Rita Stoll und Britta Laubvogel startet am 3. März und findet an den fünf Dienstagen im März statt. Die genauen Termine und Inhalte finden Sie auf unserer Homepage unter "Veranstaltungen". Anmeldungen an das Evangelische Dekanat Wiesbaden, E-Mail petra.debus(at)ekhn.de, Telefon 0611/73424230 (Di. + Do. 8 bis 12 Uhr). Anmeldeschluss ist der 20. Februar. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.