1993 gründete sich in Berlin die erste deutsche Tafel. Heute engagieren sich bundesweit über tausend dieser Initiativen. Laut dem Dachverband Tafel Deutschland sind sie „die größte sozial-ökologische Bewegung in Deutschland“. Die Tafel Büdingen gehört dazu. Sie entstand vor 20 Jahren, getragen vom Evangelischen Dekanat Büdinger Land. Das Prinzip bleibt überall gleich: Lebensmittel vor dem Müll retten und Bedürftigen helfen.
Kornelia Lange ist von Anfang an dabei. Inzwischen leitet die 72-Jährige die „kleine Firma“ in der Orleshäuser Straße, die aus Idealismus und Improvisation gewachsen ist. 2006 gründeten die damalige Dekanin Sabine Bertram-Schäfer und engagierte Bürger die Tafel. Anfangs sammelten sie mit zwei Kleinwagen Lebensmittel ein und verteilten sie in der ersten Ausgabestelle in der Berliner Straße.
Heute stehen zwei große Mercedes-Transporter mit Kühlung vor der Tür – finanziert durch Spenden, ebenso wie Miete, Kühlschränke, Kühlhaus, Büroausstattung und Technik. Ein großer Aufwand. „Ein paar mehr Spender könnten wir gut gebrauchen“, sagt deshalb Kornelia Lange.
In den ersten Jahren erlebte die Tafel einen regelrechten Boom, berichtet sie. Viele wollten helfen, anpacken, spenden. „Die Idee der Tafeln war in unserer Region neu und die Aufgabe sinnstiftend“, so Lange: Statt tonnenweise einwandfreie Lebensmittel wegzuwerfen, weil sie nicht mehr verkäuflich sind, gibt man sie an Menschen weiter, die wenig haben.
Die Bedeutung der Tafeln ist ungebrochen, eher wächst sie – doch es fehlt an Unterstützung. „Die Alten sind geblieben, doch es kommt nichts nach“, so Kornelia Lange. „Wir kämpfen heute um jeden Helfer, um jede Helferin.“
Wer mitmacht, berichtet nur Positives. Die Frauen und Männer, meist im Rentenalter, die sich an diesem Donnerstagvormittag durch braune Plastikkisten arbeiten, sind gut gelaunt. Während sie schwätzen und lachen, leeren sie routiniert Kiste um Kiste und sortieren Obst und Gemüse. „Ich bin vor ein paar Jahren nach Büdingen gezogen und habe erst durch die Arbeit bei der Tafel Anschluss gefunden“, berichtet Renate*, während sie Aprikosen kontrolliert. Gegenüber hantiert Irene mit Äpfeln und nickt: „Bevor wir mit der Arbeit beginnen, frühstücken wir gemeinsam. Das tut gut. Und ich habe eine Aufgabe.“
Um 6.30 Uhr starten die Teams der beiden Transporter und holen Ware ab – bis nach Kefenrod oder Heldenbergen führen ihre Touren. Im Gebäude stapeln sich die Kisten mit Lebensmitteln in langen Reihen. Alles ist dabei: Weintrauben, Salat, Melonen, Paprika, Tomaten, Brotaufstriche, gehackte Mandeln, Wurst, Süßigkeiten …
Das Team prüft jede Verpackung sorgfältig. Nicht alles lässt sich weitergeben. Irene wühlt in einer Kiste voller welker grüner Blätter. „So etwas ist leider auch immer dabei. “ Die Komposttonnen füllen sich, besonders an heißen Tagen, ergänzt Kornelia Lange. Draußen im Hof steht Georg in Gummistiefeln mit Gartenschlauch und spritzt die Tonnen aus, damit alles weiterläuft.
Im Eingangsbereich sortieren Helfer Brot und Gebäck. Aus den Backwaren dürfen die Kunden wählen, sonst erhalten sie fertig gepackte Kisten – abgestimmt auf Haushaltsgröße und Unverträglichkeiten.
Um 14 Uhr übernimmt das Ausgabe-Team. Die Sortierer haben Feierabend, das Geschäft mit den Kundinnen und Kunden läuft bis 17 Uhr weiter.
Wer Lebensmittel von der Tafel beziehen will, muss seine Bedürftigkeit nachweisen. Für jeweils zwei Euro pro erwachsenem Familienmitglied kann man zweimal im Monat zu festen Terminen einkaufen. Wer dreimal seine Kiste unentschuldigt stehen lässt, wird gestrichen.
Neben der Ausgabestelle in der Orleshäuser Straße betreibt die Tafel eine weitere in Altenstadt. Insgesamt versorgt sie aktuell 310 Familien – das sind 776 Menschen, darunter 270 Kinder. Für Kinder gibt es zu Weihnachten und zum Geburtstag Geschenke und zur Einschulung einen Gutschein über 80 Euro, der nur für Schulbedarf gilt.
„Zurzeit führen wir keine Warteliste“, sagt Werner Klöckner, stellvertretender Vorsitzender des Tafelausschusses. Zeitweise war das anders. Auch das Weltgeschehen spiegelt sich bei der Tafel wider. Mit den Fluchtbewegungen 2015 und 2016 kamen viele Menschen aus Syrien und Afghanistan. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 suchten zahlreiche Ukrainer Unterstützung. So verändert sich der Kreis der Menschen, die auf die Hilfe der Tafel angewiesen sind, immer wieder.
Aktuell sucht die Tafel Büdingen ein neues Domizil, weil das Gebäude in der Orleshäuser Straße verkauft wird. Sie braucht 300 Quadratmeter zu einem günstigen Preis und in zentraler Lage, weil viele Kunden zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen. Wer helfen kann, meldet sich per E-Mail an info(at)tafel-buedingen.de oder ruft Kornelia Lange direkt an: 06042/1325.
*Die Namen der Helferinnen und Helfer wurden geändert.