Das ist einer, der geht mit uns

von Ulrich Bauersfeld

Pfarrer Ulrich Bauersfeld. Foto: Daniel Lijovic
Pfarrer Ulrich Bauersfeld. Foto: Daniel Lijovic

Der Tag fängt schon wieder mal richtig „gut“ an. Ich will den PC hochfahren, um diese Andacht zu schreiben. Doch der Bildschirm bleibt schwarz. Ab und zu kommt ein Ton. Oder ein Knarren und Rauschen. Irgendwann erscheint ein Schriftzug: „Update wird installiert. 15 Prozent geschafft.“ Nach gefühlt einer halben Stunde: „20 Prozent“. Und so weiter. Das Leben ist schlecht.

 

Nein, das Leben ist nicht schlecht – zumindest nicht deshalb. Das sind kleine Probleme. Andere Leute wären froh, wenn sie nur diese hätten. Es gibt ganz andere Dinge in der Welt. Und die haben es in sich. Wir lesen und hören jeden Tag davon. Und auch im persönlichen Leben passiert so viel. Das Leben, es kann durchaus schlecht sein. Sehr schlecht.

 

Ja, so ist das. So ist das wirklich. Und doch: Es ist nur der eine Teil der Wirklichkeit. Es gibt noch mehr.

 

Der morgige Sonntag trägt den kirchlichen Namen „Jubilate“. Das Wort ist der Anfang von Psalm 66. Der erste Satz lautet: „Jauchzet Gott, alle Lande!“ Oder – in einer anderen Übersetzung: „Jubelt Gott zu, all ihr Menschen auf der Erde!“

 

„Jubelt Gott zu!“ Das passt doch eigentlich so gar nicht zu all dem Schlimmen, das in der Welt passiert und im persönlichen Leben!

 

Der Dichter des Psalms hat es anders gesehen. Auf der einen Seite jubelt er Gott zu und zählt viele Dinge auf, die einfach schön sind. Aber er benennt nicht nur sie. Er spricht auch von Dingen und Geschehnissen, die einfach nur schlimm sind. „Du hast uns in den Turm werfen lassen“ – zum Beispiel. Der Psalmbeter sieht beides: Das Schlimme und das Gute. Beides geschieht im Leben. Und dann sieht er noch ein Drittes: Er sieht Gott, der nicht nur das Gute schenkt und das Schlimme zulässt. Er sieht auch, dass dieser Gott ihn in all dem nicht allein lässt, dass er bei ihm ist und mit ihm geht. „Wir gingen durch Feuer und Wasser. Doch du hast uns in die Freiheit hinausgeführt“, kann er schließlich sagen. Daher steht sein Psalm unter dem Leitwort: „Jubilate! Jubelt Gott zu!“

 

Möge es auch uns geschenkt werden, dass wir in all dem, was wir erleben oder erleiden, immer auch dies erfahren dürfen: Da ist einer, der geht mit uns. Der ist dabei und führt uns hinaus. Dieser eine hat das an anderer Stelle so gesagt: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.“ (Matthäus 11,28)

Ulrich Bauersfeld ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Wenings/Merkenfritz und stellvertretender Dekan im Dekanat Büdinger Land


Lernen von Lumo

von Regine Jünger

Pfarrerin Regine Jünger. Foto: Daniel Lijovic
Pfarrerin Regine Jünger. Foto: Daniel Lijovic

„Gott, schenke mir Geduld - aber bitte schnell!“ Dieses Stoßgebet denke ich immer wieder einmal. Ganz anders war meine Mutter. Ihre Devise hieß: „Jetzt warten wir erstmal ab und dann schaun wir mal.“

 

Es ist wie so oft: Dazwischen ist's gesund.

 

Ich halte Abwarten nicht gut aus.

 

Der Vorteil: Dinge erledige ich ziemlich schnell und nehme Aufgaben gern in Angriff. Mehrfach täglich Mails, die Post, angefragte Besuche – eben das, was der Arbeitsalltag einer Pfarrerin mit den verschiedenen Tätigkeiten so mit sich bringt. Manchmal merke ich dabei: Das war jetzt zu schnell! Hättest du lieber mal abgewartet, dann hätte sich das ein oder andere auch von selbst geklärt. Oder es ist nervig, für mich und andere, wenn die Erwartung entsteht, alles soll immer umgehend bearbeitet werden.

 

Wenn ich dann so mittendrin in meinem Abarbeiten bin, schaut mich manchmal Lumo an, unser Hund. Er lehrt mich Geduld. Gekommen aus einer Hundeauffangstation, ist ihm in den ersten Lebensmonaten nicht viel Gutes widerfahren. So hat er nun sein Tempo. Nähe zulassen, ihn streicheln können, das erwirbt man bei ihm nur mit Geduld. Immer wieder überrascht er uns damit, dass er sie einfordert. So wird die Urlaubsreise mit dem Einsteigen in den Zug plötzlich eine Geduldsprobe und Üben ist angesagt, unter Umständen auch erst den nächsten oder übernächsten Zug zu nehmen. „Ich warte ab und dann schau ich mal, was geht.“ So denkt es sich wohl auch der Hund. Und ausgerechnet ich muss dann nun anderen, die ihm begegnen, erklären, wie wichtig diese Geduld ist!

 

Aber auch wie lohnend, wenn der Hund dann auf einmal wie selbstverständlich in den Zug steigt oder ein/e Fremde/r ihm langsam vertraut wird. Da kam also Gottesgeschenk Lumo gerade richtig. Ja, ich sehe ihn wirklich so, natürlich, weil er mir Freude macht, aber eben auch, weil er mich genau da fordert, wo es weh tut - bei meinem „Schnell-alles-geregelt-und-erledigt-haben-Wollen“! Nein, sagt er mir, warte ab, halt aus, halt still, lasse dich auf das andere Tempo ein. Ich lerne täglich dazu. Manchmal hart. Aber gut.

 

Ja, ich glaube, so ist Gott mit seinen Herausforderungen an uns. Seine Herausforderungen für mich stecken zur Zeit auch in diesem jungen, immer wieder unsicheren Hund und an manchen Stellen mehr noch: Kirchenstrukturen verändern – langsam, nicht alles auf einmal. Einen Krankheitsverlauf aushalten. Mal was auf dem Schreibtisch liegen lassen… Für manche Herausforderungen kann ich danken, über andere klage ich. Aber ich ahne: Ich lerne aus allen die Geduld, die ich brauche.

 

Also bete ich mit einem Augenzwinkern: „Gott, schenke mir, was ich brauche, um gut unterwegs zu sein, mit mir und anderen. Jetzt gleich oder warte auch mal ab und dann schau mal, was es sein kann.“

 

In der Bibel ist es klar: Wer geduldig ist, ist weise; wer aber ungeduldig ist, offenbart seine Torheit. (Sprüche 14,29)

Regine Jünger ist Pfarrerin der Kirchengemeinden Lißberg und Schwickartshausen mit Bobenhausen I und Eckartsborn


Es gibt keine gottlosen Momente

von Hanne Allmansberger

Pfarrerin Hanne Allmansberger. Foto: Daniel Lijovic
Pfarrerin Hanne Allmansberger. Foto: Daniel Lijovic

Der Sonntag, 7. April 2024, hat einen schönen Namen: „Quasimodogeniti“, das heißt „wie die neugeborenen Kindlein“. In vielen katholischen Kirchengemeinden wird an diesem Sonntag Erstkommunion gefeiert. Der Ausdruck „Weißer Sonntag“ stammt aber nicht von den weißen Kommunionkleidern, sondern von dem alten Brauch der frühen Kirche, dass die in der Osternacht Getauften ihre weißen Taufkleider erst am Sonntag nach Ostern abnahmen.

 

Es geht um die Erneuerung des Menschen durch die Taufe, aber auch durch die Fortführung des Ostergeschehens durch die Begegnung mit dem auferstandenen Christus. In einigen evangelischen Kirchengemeinden wird am „Weißen Sonntag“ konfirmiert.

 

Doch wie kam es zu diesen Traditionen? Die ersten Christen lebten in schwierigen Zeiten. Oft waren es jüdisch-gläubige Menschen, die den Predigten der Apostel gefolgt waren und sich taufen ließen. Vermutlich hatten die Prediger ihnen zugesagt, dass ihr Leben heil wird. Aber was heißt „heil“? Viele Hoffnungen der neuen Christen erfüllten sich eher nicht: Sie wurden weder gesünder noch reicher. Ihr Stand in der Welt wurde auch nicht besser. Im Gegenteil: Etliche fühlten sich verspottet, andere wurden verfolgt.

 

Das Leben in den kleinen, christlichen Gemeinden war sehr anstrengend. Zum einen gab es manchmal innerhalb der Gemeinden Streit, wer welche Regeln einhalten musste und wer nicht. Aber auch äußerlich gab es Streit und Auseinandersetzungen mit den vorhandenen religiösen Gemeinschaften, die sich über einen am Kreuz sterbenden Gott lustig machten und sagten: Wenn euer Gott auferstanden ist, warum stirbt er dann erst? Mitunter fühlten sich die Gemeindeglieder der ersten Gemeinde so gelähmt, dass der Apostel streng werden musste und ihnen schreibt: „Redet nicht über das, was euch trennt – redet über die Hoffnung, die euch erfüllt. Wer euch um Hoffnung bittet, dem gebt sie.“

 

Und wie sieht diese Hoffnung aus? Es ist die Hoffnung auf den mitgehenden Gott. Es gibt keine gottlosen Momente. Alles, was uns widerfährt, hat mit Gott zu tun. Niemand trägt und behütet euch so wie Gott, der Vater Jesu Christi. Wir, seine Kinder, ruhen in seinen Armen wie Jesus, sein Sohn. Das ist unsere Hoffnung. Sie lässt uns unser Leben in seiner ganzen Tiefe erleben; manchmal erleiden. Aber immer sind wir geborgen in seinem Wort und in den Zeichen seines Heils: Taufe, Brot und Wein. Erzählt euch davon, bittet der Apostel. Und ihr werdet euer Leben mit Gott verstehen. Wir leben nicht in ein Irgendwo hinein – wir leben nach unserem Tod hinein in Gottes neue Welt.

 

Viele Menschen verstehen diese christliche Botschaft nicht mehr. Sie nehmen die freien Tage, die durch die christlichen Feste entstanden sind, gerne an, feiern und nutzen die Zeit für Urlaub. Die Hoffnung, die mit Ostern und mit der Auferstehung Jesu Christi in diese Welt gekommen ist, wird nicht mehr als sinnstiftend und als frohe Botschaft erlebt. Als Christenmenschen leben wir in der Nachfolge Jesu, wenn wir Hoffnung schenken, wo die Dunkelheiten unserer Zeit so mächtig scheinen. Kriege, Krankheiten und Tod bedrohen uns Menschen ja auch heute noch.

 

Jesus Christus ist durch den Tod gegangen und hat uns durch seine Auferstehung zu hoffnungsfrohen Menschen gemacht. In Jesus ist Gott bei uns alle Tage. Das dürfen wir glauben. Halleluja. Oder wie es im Wochenspruch aus dem ersten Petrusbrief heißt: “Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

Hanne Allmansberger ist Pfarrerin der Kirchengemeinde Nidda


Der Schrei von Golgatha hallt auch heute

von Birgit Hamrich

Pfarrerin und Dekanin Birgit Hamrich. Foto: Daniel Lijovic
Pfarrerin und Dekanin Birgit Hamrich. Foto: Daniel Lijovic

Auf Golgatha steht die Zeit still. Karfreitag. Schmerzen, Trauer, Angst – ewig und drei Tage. Für die einen. Für die anderen ist es ein Tag, wie jeder andere auch.

 

„Und er trug sein Kreuz

Und ging hinaus zur Stätte,

die da heißt Schädelstätte,

auf hebräisch Golgatha.

Dort kreuzigten sie ihn.“

 

So lese ich in der Bibel, wo der Evangelist Johannes die Kreuzigung Jesu beschreibt. „Warum hast du mich verlassen?“ Warum lässt du mich hängen, Gott?“ Es ist ein Schrei, der die Stille zerreißt, der von Golgatha bis in unsere Tage an viel zu vielen Orten unserer Welt auch heute hallt.

 

Jedes Jahr lasse ich mich aufs Neue hineinnehmen in die überwältigenden Gefühle und Dynamik, die diese Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu entfaltet - stellvertretend für all das himmelschreiende Elend dieser Welt. Hier finden sich Verrat und Verleugnung, sinnlose Gewalt und Schmerz, Machtmissbrauch und Grausamkeit, die mit einem Donnerschlag besiegelt wird.

 

Wie ein Scheinwerfer über die Bühne wandert und einzelne Szenen ausleuchtet, so leuchtet der Evangelist Johannes seine Erzählung in der Bibel vom Sterben Jesu aus. Er richtet den Lichtkegel auf die wenigen Menschen, die vereinzelt in der Nähe des Kreuzes stehen. Die meisten Menschen aus Jesu Umfeld hatten sich nach dessen Gefangennahme völlig erschöpft, desillusioniert und entkräftet entfernt.

 

Da sind die vier römischen Soldaten geblieben, die routiniert, die Kleider der Sterbenden untereinander aufteilen. Was werden sie wohl abends ihren Frauen und Freunden beim Stammtisch geantwortet haben auf die Frage: „Und, wie war dein Tag so?“ Der Lichtkegel erfasst drei Frauen, die bis zum Schluss dageblieben waren: Maria, die Mutter, die sich an ihrer Schwester festhält, und Maria Magdalena, die Freundin. Und noch einer ist da, berichtet der Evangelist: der Freund Jesu steht hilflos und verzweifelt daneben. Gefangen in seiner Angst, in seinem Leid.

 

„Maria, das ist dein Sohn! -

Johannes, das ist deine Mutter!“

 

Mit der wenigen Kraft, die ihm in seinen letzten Atemzügen geblieben war, spricht Jesus die beiden an, lenkt ihren Blick auf den jeweils anderen und holt sie aus ihrer Einsamkeit heraus: als Wegbegleiter in unfassbarer Trauer. Es ist kaum auszuhalten, wenn eine Beziehung irreversibel zu Ende geht, wenn das eigene Kind, der geliebte Mensch stirbt. Schmerz und Trauer machen einsam. Das Leben zieht vorbei. Ein Zurück in den Alltag ist kaum vorstellbar und nicht gewollt.

 

Ich lese weiter, was Johannes schreibt, und merke, wie zaghaft und zerbrechlich unter dem Kreuz Jesu eine neue Gemeinschaft entsteht. Eine neue Familie Gottes. Zwischen der Mutter und dem Freund. Sie können einander Halt geben, sie müssen sich ihrer Tränen nicht schämen, sie fühlen sich miteinander und mit dem Sterbenden verbunden. „Von dieser Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ Eine kaum wahrnehmbare Perspektive leuchtet auf. Es ist wie das Ahnen des Morgenrots, das sich am noch dunklen Horizont auftut.

 

Als Christenmensch möchte ich mich daran festhalten, wenn die Zeit auf einmal stillsteht und der Scheinwerfer verlischt. Ich möchte mich festhalten an diesem zarten, flüchtigen Silberstreifen und darauf vertrauen, dass das Aufstehen ins Leben auch heute gilt.                                                            Birgit Hamrich ist Dekanin des Evangelischen Dekanats Büdinger Land


Stimmungswechsel

von Dieter Wichihowski

Pfarrer Dieter Wichihowski. Foto: Daniel Lijovic
Pfarrer Dieter Wichihowski. Foto: Daniel Lijovic

„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ … dieser Satz, der dem ersten Bundeskanzler im Nachkriegsdeutschland, Konrad Adenauer, zugeschrieben wird, prägt für mich die Stimmung zwischen dem morgigen Palmsonntag und der nachfolgenden Karwoche. Ein Satz der deutlich macht, wie schnell sich Meinungen und Stimmungen bei uns Menschen ändern können.

 

An Palmsonntag hören wir die Geschichte vom triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem. Und die Erzählung von diesem Einzug Jesu in Jerusalem zeigt uns durch die 2.000 Jahre, die seither vergangen sind, wie schnell menschliche Stimmung von einem Extrem in das andere umschlagen kann.

 

Mit Jubelrufen hatte man Jesus auf den Straßen empfangen und begrüßt. Und nur wenige Tage später hat man ihn durch die gleichen Straßen mit Schimpf und Schande zur Stadt hinaus auf den Hinrichtungsplatz getrieben. Wie schnell doch die Stimmung umschlagen kann? Oder:

 

„Was interessiert sich mich meine Begeisterung von gestern, wenn dieser Mensch heute nicht mehr meine Erwartungen erfüllt?“

 

Wir erleben es allenthalben und immer wieder im Sport und in der Politik und auch im Bereich der Kirche: Wie schmal ist oft der Grat vom Jubel heute zum „kreuzige ihn“ von morgen; erschreckend – ernüchternd – enttäuschend!

 

Und so sehr mich diese Geschichte Jesu zwischen Palmsonntag und Karfreitag jedes Jahr wieder beschäftigt, so sehr macht sie mir auch jedes Jahr wieder Mut. Denn Gott bleibt ja nicht – so wie wir Menschen es oft tun – beim Karfreitag stehen, sondern er setzt seine Geschichte fort. Gott stellt die Ehre des Geschundenen wieder her – allem Augenschein zum Trotz.

 

Vielleicht sollten auch wir manchmal vorsichtiger mit unseren Stimmungen umgehen; mit unserer Euphorie ebenso wie mit unseren oft vorschnellen Verurteilungen. Also sich lieber auch mal erinnern, an mein Geschwätz von gestern und an das, was ich da gesagt habe!                   Dieter Wichihowski ist Pfarrer der Kirchengemeinden Höchst, Oberau und Waldsiedlung

 


Kein Superheld

von Tobias Vonderlehr

Vikar Tobias Vonderlehr. Foto: Daniel Lijovic
Vikar Tobias Vonderlehr. Foto: Daniel Lijovic

„Herzlich willkommen! Schön, dass Sie Ihren Dienst hier bei uns versehen.“ Mit diesen Worten wurde ich in meiner Vikariatsgemeinde empfangen. Pfarrer zu werden, bedeutet auch Menschen kennen zu lernen. Ganz unterschiedliche. Das Handwerkszeug für meine zukünftigen Aufgaben in Gemeinde und Schule erlerne ich zurzeit in meinem Vikariat.

 

Ich habe den Schritt gewagt, nochmal beruflich neu anzufangen. Zuvor viele Jahre als Pädagoge tätig, konnte ich in dieser Zeit vielen jungen Menschen bei Lernschwierigkeiten unter die Arme greifen. Jetzt im Gemeindedienst und auch im Religionsunterricht in der Schule darf ich Menschen in allen Lebenslagen begleiten. Kaum ein Beruf kann eine solche Bandbreite bieten: von der Geburt über die Taufe zu Konfirmation, Trauung, Konfirmations- und Ehejubiläen bis hin zum letzten Atemzug begleite ich nun Menschen auf ihrem Weg durchs Leben. So vielfältig und vielgestaltig ein Menschenleben auch ist, so abwechslungsreich und unterschiedlich kann auch der Beruf der Pfarrperson sein.

 

Viele von uns stellen sich mit allem, was wir sind und haben, in den Dienst der Menschen: mit unseren Fähigkeiten und Begabungen, aber auch mit unseren Schwächen und Unvollkommenheiten. Als „Gottes Bodenpersonal“ möchten wir da sein, für Sie und für Dich, für Fremde und Bekannte, für Große und Kleine, für Alte und Junge, für Gesunde und Kranke, für Lebende und Sterbende. Deshalb ist für mich der Pfarrberuf kein Lehrberuf wie jeder andere. Es ist Berufung. Es ist eine in Gott gegründete und persönliche Einstellung zum Leben, zu Menschen, ja, zur gesamten Schöpfung.

 

Ich bin kein Superheld, stehe keine Stufe höher oder bin näher an Gott als andere. Jesus aber ist mir im Umgang mit Menschen und meiner Umwelt eine Richtschnur und mein Lebenskompass. Ihm folge ich nach, nach ihm richte ich mich aus. In dieser Passionszeit fällt mir das besonders auf: Jesus Christus kam, um Menschen zu dienen und für sie da zu sein. Und mehr noch, um diejenigen, die ihn bekennen und an ihn glauben, durch seinen Tod am Kreuz von aller Schuld freizukaufen. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern, dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele“ (Mt 20, 28).                                      Tobias Vonderlehr ist Vikar in der Kirchengemeinde Gedern


Fingerzeig und Mandelzweig

von Ulrike Wohlfahrt

Pfarrerin Ulrike Wohlfahrt. Foto: Daniel Lijovic
Pfarrerin Ulrike Wohlfahrt. Foto: Daniel Lijovic

Seit letztem Jahr zwingt mich mein Rücken zu mehr Bewegung. Manchmal kommt mir das sogar gelegen. So auch in diesen Tagen während der Vorbereitung von mehreren Beerdigungen.

 

Ich will Sie mitnehmen zu meinen Entdeckungen. Haben Sie Lust? Wir gehen durch Düdelsheim, durch den Ort, in dem ich Pfarrerin bin. Ich gehe eine kleine Runde. Nur 15 Minuten. Aber das reicht.

 

Interessant wird es auf dem Rückweg. Da bleibe ich hängen an einem Vorgarten, aus dem sich mir wohl noch Überreste von Halloween entgegenstrecken. Eine (hoffentlich nachgebildete) Skeletthand in eindeutiger Haltung: Alle Finger sind zur Faust gemacht, nur nicht der Mittelfinger. Dieser ist gerade ausgestreckt.

 

Ich muss lachen.: „Genau so ist es! Genau das fühle ich, lieber Tod, aber in Bezug auf Dich.“ In mir steigen die Worte auf: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? (1 Kor 15,55)“ In so vielen Gesprächen haben mir Familien zuletzt von ihrem Vertrauen auf ein Leben nach dem Tod erzählt.

 

Da möchte ich glatt dem Tod dieses Handzeichen entgegen halten. Und zwar nicht nur dem leiblichen Tod, sondern auch all den Todesbringern in den Kriegen und Unmenschlichkeiten unserer Welt. Doch natürlich bin ich dafür zu gut erzogen. Angeregt durch den weiter umherschweifenden Blick, der an rosa Blüten hängenblieb, möchte ich stattdessen ein Gedicht von Schalom Ben-Chorin zitieren, geschrieben in Jerusalem 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg:

 

Das Zeichen

Freunde, dass der Mandelzweig

Wieder blüht und treibt,

Ist das nicht ein Fingerzeig,

Dass die Liebe bleibt?

Dass das Leben nicht verging,

Soviel Blut auch schreit,

Achtet dieses nicht gering,

In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,

Eine Welt vergeht.

Doch des Lebens Blütensieg

Leicht im Winde weht.

Freunde, dass der Mandelzweig

Sich in Blüten wiegt,

Bleibe uns ein Fingerzeig,

Wie das Leben siegt.

Ulrike Wohlfahrt ist Pfarrerin der Kirchengemeinde Düdelsheim


Nicht den Kopf hängen lassen

von Frank Eckhardt

Pfarrer Frank Eckhardt. Foto: Maresch
Pfarrer Frank Eckhardt. Foto: Maresch

"7 Wochen Ohne …" ist eine Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland , die jedes Jahr in der Passionszeit von Aschermittwoch bis Ostern begangen wird. In dieser Zeit wird eingeladen, bewusst auf etwas zu verzichten, was einem schwer fällt. "7 Wochen Ohne"  - Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten, Kaffee, Streit … In diesem Jahr ist das Leitmotiv, das als Anregung gilt: "Komm rüber!  Sieben Wochen ohne Alleingänge“. Eine weitere Anregung ist, sich dem „Klimafasten“ anzuschließen und zum Beispiel  weniger Auto zu fahren oder sich anders zu ernähren.

 

Ursprünglich hatte Fasten überwiegend damit zu tun, dass man für eine bestimmte Zeit auf Nahrung beziehungsweise Getränke verzichtete. Dazu möchte ich Sie kurz in die erste Fastenzeit unseres Kirchenjahres entführen, in die Adventszeit.

 

In der Digmudis-Schule in Schotten hatten wir vor einigen Jahren beschlossen, in der Adventszeit kurz vor Weihnachten einen gemeinsamen Schulgottesdienst zu feiern. Jede Klasse sollte etwas beitragen. So wurde gebastelt, ein lustiges Weihnachtsspiel und Lieder eingeübt. Die älteren Jungs taten sich mit den klassische Weihnachtsvorbereitungen etwas schwer und schlugen vor, dass sie einen Rap vorführen wollten, auf das Lied von TiniundTus "Das Haus vom Nikolaus". Eine Stelle daraus gefiel ihnen besonders gut: Wir wünschen nicht nur Brot für die Welt, sondern Wurst für die Welt". Auf die Nachfrage, warum sie gerade dies so gut fänden, kam eine einfache, sympathische Antwort: „Na, dann geht es allen so gut wie uns“.

 

Es folgte eine Diskussion darüber, ob das denn überhaupt möglich sei, dass alle Menschen auf der Welt so viel Fleisch und Wurst essen wie wir. Die ernüchternde Erkenntnis war, dass das wohl nicht gehen kann. Die nächste Überlegung war: Wie viel Fleisch und Wurst darf denn jeder essen, damit es für alle reicht? Nach umfangreichen Forschungen stand das Ergebnis, nach damaligem Sachstand, fest: 200 Gramm pro Woche. Das ist nicht viel. Für die Passionszeit im folgenden Frühjahr haben zwei aus der Klasse und ich es ausprobiert: sieben Wochen mit nur 200 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche. Wir machten spannende Feststellungen. Nur eine sei erwähnt: Anfangs hatte man das Soll schon am ersten Tag erfüllt. Es war eine interessante Erfahrung, nicht ganz zu verzichten, aber mit weniger auszukommen. Vielleicht eine Anregung für die kommenden Wochen bis Ostern für alle, für die „ohne“ nicht durchführbar ist.

 

Im Bezug auf unsere Ernährung und Bewahrung der Schöpfung positiv formuliert: Ich esse mehr saisonal, regional, achte auf mehr Fairness in der Produktion, gebe den Abfalltonnen, besonders der Gelben, weniger Futter, kaufe im Regionalladen, zum Beispiel in Rainrod ein, damit dieser erhalten bleibt, usw.

 

Vielleicht stellt sich dann das ein, was Gott durch Prophet Jesaja (Kap. 58) über das Fasten ausrichten lässt: Nicht den Kopf hängen lassen und sauertöpfisch werden, sondern für Gerechtigkeit sorgen. Dann wird Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und Heilung schnell voranschreiten. Ich denke die persönliche und die der Welt. Viel Freude  beim Ausprobieren.                              Frank Eckhardt ist Pfarrer der Kirchengemeinden Breungeshain, Busenborn und Michelbach


"Frag mich alles"

von Kerstin Hillgärtner

Pfarrerin Kerstin Hillgärtner
Pfarrerin Kerstin Hillgärtner

„Hallo Mensch, ich bin ein GPT-betriebener AI-Chatbot. Frag mich alles!“

 

Ich sitze vor dem Computer. Zum ersten Mal traue ich mich an Chat GPT heran. AI - KI auf Deutsch: Künstliche Intelligenz. Ich spreche mit meinem Computer, mehr noch: Mein Computer spricht mit mir! Ich muss gestehen, ich bin nervös. Worauf lasse ich mich da ein? Ich komme mir vor, als würde ich in eine neue Welt vordringen, deren Sprache und Umgangsformen ich noch nicht kenne.

 

KI – nützlich, sagen die einen: Sie fasst ganze Bücher sekundenschnell in wenigen Sätzen zusammen, schreibt Texte, sogar Gedichte. Andere warnen, weil noch nicht absehbar ist, welche Risiken es birgt, wenn wir uns zu sehr auf die Technik verlassen und der Technik auch noch das Nachdenken überlassen.

 

Die Bibel erzählt, wie Gott die Welt geschaffen hat: Himmel, Erde, Licht, Sonne, Mond, Sterne, Pflanzen und Tiere und zuletzt Menschen. Gott schuf uns Menschen als intelligente Wesen. Mit der Fähigkeit, diese Intelligenz zu nutzen. Und das birgt Risiken. Wir Menschen nutzen und nutzten sie für viele großartige Erfindungen. Viel Gutes ist entstanden, aber viele Erfindungen wurden missbraucht und zur Vernichtung von Leben genutzt.

 

Ob es Gott genauso ging bei der Schöpfung? Hat Gott sich gefragt, ist das gut, was ich da in die Welt setze? Kann ich der menschlichen Intelligenz vertrauen? Was werden meine Geschöpfe daraus machen? Gott hat es gewagt und musste hinnehmen, dass wir Menschen unsere Intelligenz nicht immer nutzen, um gut miteinander zu leben.

 

„Frag mich alles“, sagt der Computer zu mir. Ja, das werde ich tun. Das habe ich inzwischen gelernt, dass es auf genaue Fragen ankommt beim Umgang mit der KI. Ich frage alles, aber ich werde nicht allen Antworten trauen! Ich werde unserem „Geschöpf“ KI nicht blind vertrauen.

 

„Lassen Sie uns abschließend daran denken, dass sowohl Gottes Schöpfung des Menschen als auch die menschliche Innovation durch KI uns dazu aufrufen, unsere Verantwortung als Hüter der Schöpfung wahrzunehmen und unsere Fähigkeiten zum Wohl der gesamten Menschheit einzusetzen.“

 

Dieser letzte Satz stammt nicht von mir. Den hat die KI geschrieben. Ich habe mich vorgewagt in das unbekannte Land. In der Bibel steht: Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. (1 Thessalonicher 5,21). Genau! Auch im Umgang mit der künstlichen Intelligenz.                                                         Kerstin Hillgärtner ist Pfarrerin in Gedern


"Häi Dou" und Helau oder doch zur Demo? Beides!

von Alexander Starck

Pfarrer Alexander Starck
Pfarrer Alexander Starck

Seit einigen Wochen gibt es im ganzen Bundesgebiet Demos gegen sich ausbreitende rechtsextreme Ansichten. Bei größeren und kleineren Kundgebungen zeigen Menschen Flagge für ein vielfältiges und demokratisches Deutschland.

 

Auch jetzt am Faschingswochenende gibt es Kundgebungen wie beispielsweise in Nidda. Als ich von den ersten Plänen erfahren hatte, habe ich mich gefreut. Es ist ein gutes Signal, wenn ein vielfältiges Bündnis auf die Straße geht und deutlich macht, dass wir in einem offenen Land leben – ganz unterschiedliche Menschen, die sonst vielleicht durchaus streitbare Gegner sind, treten gemeinsam dafür ein.

 

Dann kam der Blick in den Kalender und es kam bei mir die Frage auf: Ist es so geschickt, eine so wichtige Veranstaltung am Faschingswochenende zu planen? Da gibt es doch schon so viel im ganzen Umkreis an Sitzungen und Umzügen. Veranstaltungen für Kleine und Große, für Alte und Junge, und manch einer weiß gar nicht so recht, wo er überall hin soll.

 

Aber dann dachte ich: Das passt doch ganz gut! Fasching ist als fünfte Jahreszeit geprägt von Frohsinn und Klamauk, aber manchmal wird mit sehr scharfem Humor eben auch deutliche Kritik an Dingen geübt, die in der Gesellschaft nicht gut laufen. Ernste Themen, Heiterkeit und Klamauk schließen sich also nicht aus. In Köln heißt es im Karneval: „Jeder Jeck ist anders.“ Und so passt doch eine Demo für die Vielfalt hervorragend zum Faschingswochenende!

 

Als Motto für die Demokratiekundgebungen ist mir „Jeder Jeck ist anders!“ aber zu wenig. Besser gefällt mir, was in der Bibel im Brief an die Hebräer steht: „Lasst uns aufeinander achten! Wir wollen uns zu gegenseitiger Liebe ermutigen und einander anspornen, Gutes zu tun.“ (Hebräer 10,24). Auf den Anderen achten, auch wenn er nicht so ist wie ich selbst, Nächstenliebe und gemeinsam Gutes tun – das ist doch eine gute Grundlage für eine bunte, demokratische Gesellschaft.

 Alexander Starck ist Pfarrer in Geiß-Nidda, Bad Salzhausen und Nidda sowie zuständig für Eichelsdorf und Ober-Schmitten


Ein Zeichen der Hoffnung

von Dr. Detlef Metz

Pfarrer Dr. Detlef Metz
Pfarrer Dr. Detlef Metz

„O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“, lautet ein Wort aus dem Buch des Propheten Jeremia. Es findet sich oft an Kirchenglocken, die just dazu einladen: Gottes Wort zu hören, das an die Menschen ergeht, in ihre Situation hinein, um sie aufzurichten und ihnen Orientierung zu geben.

 

In beiden Weltkriegen mussten Glocken abgegeben werden. Nichteisenmetalle galten als kriegswichtig; so wurden etliche eingeschmolzen. Manche aber ‚überlebten‘ auf Glockenfriedhöfen. Eine Glocke aus Bobenhausen II wurde nach dem Krieg auf einem solchen wiedergefunden. Man holte sie zurück; ab dem Bahnhof Mücke geleitete sie das Geläut aller Glocken auf dem Weg nach Bobenhausen. Eine große Freude für die Menschen damals! Eine andere Glocke aber war verloren. Für sie wurde 1955 eine neue gegossen, mit jenem Wort: „O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort“.

 

Was wäre das Land ohne die Glocken? Wer spazieren geht, hört sie, und wer sie kennt, kann etwa sagen: Das sind die Eichelsächser, das sind die Rainröder Glocken. Wir haben sie nötig, nicht nur aus Heimatliebe und romantischen Reminiszenzen. Sie unterbrechen, lassen aufhören. Sie erinnern an etwas, das uns nicht zur Hand ist. Sie erinnern uns, dass wir uns selbst nicht in der Hand haben, uns nicht uns selbst verdanken – erinnern an Gott.

 

Es sind natürlich Menschen, die Glocken in Bewegung setzen. Don Camillo will mit ihnen ihm blasphemische Aktivitäten seines Gegners Peppone übertönen. Der vertritt eine Partei mit atheistischer Weltanschauung, auch wenn er selbst sozusagen immer wieder rückfällig wird, den Ruf hinter den Glocken doch an sich heranlässt.

 

Sie läuten auch heute, rufen zum Frieden, laden zu Friedensandachten ein. Auch zum inneren Frieden rufen sie, uns alle. In unserem Land greifen schrille Stimmen um sich mit rauem Ton, Pöbeleien, mit Wahl von Worten, die schon in sich Gewalt bergen: gegen Menschen aus der Politik, gegen Menschen, die nach Ansicht jener Stimmen nicht dazugehören sollen. Lassen wir uns durch die Glocken rufen zu Verständigung, Vernunft und Demut, Abkehr von Menschenhass und Einspruch gegen solchen.

 

Die Kirche selbst – so wurde zuletzt traurig deutlich – hat es nötig, sich immer wieder vom Läuten der Glocken unterbrechen zu lassen. Es zeigt ihr, wovon sie lebt und wozu sie da ist: Hören und Hinhören. Der Klang der Glocken, der vom Alltagslärm abzieht, besinnen lässt, ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Dass auch Sie es so hören können, wünscht Ihnen                                                                                                        Dr. Detlef Metz, Pfarrer in Bobenhausen II  und Rainrod


Das Wesentliche kann man mit den Augen nicht erfassen

von Julia Rennecke

Pfarrerin Julia Rennecke
Pfarrerin Julia Rennecke

„Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar…“ Wir schreiben den 21. Januar 1815: Ein Leben endet. Es ist das des emotionalen Lyrikers, Journalisten und Volkslied-Verfassers Matthias Claudius. Er ist der „Vater“ des „Abendliedes“ – uns besser bekannt unter dem Namen „Der Mond ist aufgegangen“.

 

Geboren wurde Claudius am 15. August 1740 in eine Pfarrfamilie in Holstein, er studierte einige Semester lang Theologie und befasste sich – ab den 1780er Jahren – viel mit religiösen Themen. Sein „Abendlied“ bildet die Gedichts-Vorlage zu dem, unter der Vertonung von J. A. P. Schulz, bekannten, christlichen Lied, welches zum ersten Mal 1779 veröffentlicht wurde. Heute findet man es im Evangelischen Gesangbuch unter der Nummer 482.

 

Als Schreib-Vorlage diente Claudius das Gedicht „Nun ruhen alle Wälder“ (EG 477) von Paul Gerhardt aus dem Jahre 1647, auf dessen Melodie Claudius’ Abendlied ursprünglich gesungen werden sollte.

 

Claudius beschreibt eindringlich die Natur in der Dämmerung: das Wechselspiel von dunklem Wald und hellen Gestirnen, die Vergänglichkeit des einzigartigen Tages und der zeitlosen, menschlichen Existenz an sich. Eine Wehmut erfüllt mich beim Hören, ein Gefühl von Abschied, von Loslassen und zugleich Zur-Ruhe-Kommen. Denn – und davon lebt das Lied – in allem ist die Sehnsucht nach Gott, dem Ewigen und Unvergänglichen, dem wir uns während der Nacht anvertrauen dürfen:

 

„Gott lass' dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglich's trauen, nicht Eitelkeit uns freu'n! Lass' uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein!“  Werden wie Kinder, die Last des Alltags abgeben – wünschen wir uns das nicht alle?

 

Mich berühren Claudius Worte zum Mond: „Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön: So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil uns're Augen sie nicht seh'n.“ So viele Dinge sind für uns Menschen schwer zu verstehen: Liebe, Glaube, Hoffnung – was wesentlich ist, kann man mit den Augen nicht erfassen, mit dem Verstand nicht begreifen. Und vielleicht müssen wir das gar nicht.

 

Vertrauen lautet das Zauberwort. Wenn wir uns niederlegen, vertrauen wir darauf, dass Gott uns in dieser Nacht beschützen und bewahren wird. Auch ohne unser Zutun. Wir lassen los und werden wieder ganz, heil. Die „Batterien“ werden neu aufgeladen. Denn Gott trägt uns durch die Nacht. „Und unseren kranken Nachbarn auch.“

                                                                                                                                        Julia Rennecke ist Pfarrerin in Hirzenhain


Wer zum Glauben kommt, kommt in Bewegung

von Tanja Langer

Pfarrerin Tanja Langer.
Pfarrerin Tanja Langer.

Wer in diesen ersten beiden Wochen des Jahres Prospekte für verschiedene Discounter in den Händen hatte, konnte die bunte Flut an Angeboten für Fitnessgeräte, Sportkleidung und gesunde Nahrungsergänzung gar nicht übersehen. Nur ein ewiger Trend zum Jahresbeginn, bei dem die guten Vorsätze, gesünder zu leben, noch nicht vom inneren Schweinehund aufgefressen wurden? Oder gar Orientierung an den Worten, die Paulus in seinem Hebräerbrief schreibt: Macht also die erschlafften Hände wieder stark, die zitternden Knie wieder fest! Geht auf rechten Wegen, damit die lahm gewordenen Füße nicht auch noch verrenkt, sondern wieder heil werden!

 

Paulus will mit diesem Brief die Judenchristen anspornen, am Glauben an Jesus Christus festzuhalten und nicht zu ihrer früheren Lebensweise zurückzukehren. Ein Brief, in dem es um Glauben und Bewegung, um Körper und Geist geht. Paulus sagt, das gehört zusammen! Und ich finde, da hat er recht. Wer seinem Körper etwas Gutes tut und joggt oder, wie bei mir, eher spazieren geht, der bewegt nicht nur Gliedmaße, sondern auch das Gehirn. Wer in Bewegung kommt, vertreibt Müdigkeit und Lethargie und sieht die Welt mit aufmerksameren Augen. Obendrein gewinnt man an Kraft und auch an Lebensfreude. Eine Win-win-Situation.

 

Aber wer seinen Körper trainieren will, der muss seine Übungen regelmäßig machen. Muskeln müssen gedehnt und erwärmt, die Trittfestigkeit und das Gleichgewicht geübt werden. So ist das auch mit der Bewegung im Glauben. Die fällt nicht einfach wie Manna vom Himmel. Nein, Körper, Geist und Glauben stimulieren sich gegenseitig. Und apropos gegenseitig: Im Hebräerbrief heißt es weiter, dass Bewegung in der Gruppe am meisten Spaß macht. Genauso sind Glaubensbewegungen in der Gemeinde mit anderen viel vergnüglicher.

 

Dabei muss keiner mit dem Schrittzähler des Smartphones stehen und die empfohlenen 10.000 Schritte pro Tag überwachen. Es muss kein Rekord gebrochen und keine Mindestzeit eingehalten werden. Wer zum Glauben kommt, kommt in Bewegung. Und wer das einübt und regelmäßig betreibt, schafft Energie und Gesundheit auf körperlicher sowie geistlicher Ebene. Mit oder ohne Fitnessgeräte. Viel Spaß dabei.                                                                            Tanja Langer ist Pfarrerin in Eckartshausen


"Alles, was Ihr tut, tut in Liebe"

von Andreas Marschella

Pfarrer Andreas Marschella
Pfarrer Andreas Marschella

M. kommt auf mich zu. Am Grab. Wir sind gerade im Begriff, die Asche unseres lieben A. zu bestatten. Die Familie steht im Kreis. Da kommt nie jemand auf mich zu. Alle sind viel zu gespannt, manche suchen nach Fassung. Da kommt M. auf mich zu. Denn es regnet – gerade im Moment hat der Himmel die Schleusen geöffnet. Ich stehe im Talar am Grab, in einer Minute werde ich klatschnass sein. Da kommt M. auf mich zu und nimmt mich unter ihren Schirm. Einen ganz kleinen Augenblick bin ich sprachlos vor Rührung. Dann fasse ich ihre Hand und danke ihr für diese Geste. So beerdigen wir unseren A. Das Schirmerlebnis geht den Tag mit mir. Es erinnert mich an die Jahreslosung: Alles, was ihr tut, tut in Liebe. Ich stehe an der Kasse beim dm. Zwei Leute vor mir. Der erste hat Zahnpasta, Deo, Pflaster und eine Duschcreme auf dem Band. Macht € 12,58. „Ach Du große Neune – wo ist mein Geld?“ Daheim auf dem Küchentisch! Was jetzt? Der Mensch dahinter reagiert sofort: „€ 12,58 hab ich. Ich zahl es Ihnen. Kein Problem.“ Ich bin baff. Alles, was ihr tut, tut in Liebe.

 

D. – 17-jährig - erzählt mir von ihrer Oma. Sie ist im Seniorenheim. Sie ist in ihrer Welt gänzlich angekommen. Man sagt dazu „Demenz“. „Jedes Mal, wenn ich hinkomme“, erzählt D. , „jedes Mal erzählt Oma mir dieselbe Geschichte: Von der Kuh, die sich vorne dran machte, wenn sie als Kind die Herde von der Weide holte; von Opa, der so gut tanzen konnte; von Hefeteig, den sie so und so hat gehen lassen – und dann ist Schluss.“ Sie seufzt ein bisschen. „Das ist manchmal echt anstrengend. Immer dasselbe – und dann nichts. Oft 'ne halbe Stunde.“ „Wie oft gehst Du zur Oma?“ frag ich. „Dreimal die Woche.“ Wow: 17 Jahre, Schule, Handballverein, Klarinette lernen, Freunde – und dann dreimal die Woche: Kuh, Opa, Hefeteig und 30 Minuten Schweigen. „Aber wenn ich mich verabschiede, dann winkt sie mir und sagt: Mach’s gut, mein Schatz. Dann freu ich mich, dass ich da war, obwohl ich erst keine Lust hatte. Die Omi!“ Liebe überwindet uns wohl zur Liebe. Alles, was ihr tut, tut in Liebe.

 

„Wer hat Hautfarbe und kann sie mir geben?“ F. in der 3. Klasse will die Gesichter in seinem Bild anmalen. „Was ist das für 'ne Farbe?“, fragt M. „Ei, die helle da“ sagt F. – und deutet im Mäppchen auf den typischen Buntstift. „Das ist richtige Hautfarbe!“ sagt F.. M. protestiert! „Guck dich doch mal um! L. und P. haben eine ganz andere Hautfarbe, viel dunkler.“ F. überlegt. „Ok! Dann nehm ich den hellen Stift für meine Haut und den hellbraunen für zwei andere Kinder auf dem Bild! Das ist jetzt Hautfarbe 1 und der andere Stift Hautfarbe 2.“ L. und P. freuen sich. Alles, was ihr tut, tut in Liebe.

 

B. hat so lange für ihn gekämpft. Es sollte alles möglich gemacht werden, dass er noch da bleiben kann. Sie saß an seinem Bett, vom Sterben sollte keiner reden. Sie hätte das nicht ertragen. Es klang für sie wie „Aufgeben“ und „Ihn fallen lassen“. Es wäre zu viel Wahrheit, die ihr ihre Einsamkeit zumutete. Angst vor dem, was käme ohne ihn. Wir reden. Sie erzählt, was er für sie getan hat die vielen Jahre lang. „Und was kann ich jetzt für ihn tun?“ fragt sie sich unvermittelt. „Schauen Sie genau hin!“ bitte ich sie. „Sie sehen, was er jetzt braucht!“ Am Tag drauf starb er. Eine Stunde vor seinem Tod hatte sie sich den Mut gefasst und ihm zugeflüstert: „Geh ruhig! Ich schaffe das! Bis bald!“ Alles was ihr tut, tut in Liebe.

 

Ehrlich? Mir fällt es schwer, Dumme zu lieben. Mit „Dummen“ meine ich Menschen, von denen Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm (dem Dummen), dass man es gar nicht mit ihm selbst, … , sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist im Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen missbraucht. So zum Instrument geworden wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.“ Man kann argumentieren, die Wahrheit mit Fakten zum Polieren bringen – es ist, als ob man dem Ochsen ins Horn petzt. Wenn ich mir die Reden von Frau W. und Herrn B. im Bundestag anhöre, befällt mich Ekel, Scham und Wut. Der blaue Kandidat für Europa will gar „mehr Volk – weniger Europa“. Auch wieder so eine Parole. Die Dummheit dieser Parole pflanzt sich fort und züchtet weitere Dumme durch einen einfachen Trick: Man muss sie oft genug wiederholen.

 

An alle Nicht-Dummen: Wenn ihr solche Parolen hört – z.B. auch: „Ich wähle die Blauen, weil ich den anderen mal einen Denkzettel verpassen will!“ – wenn ihr das also hört, sagt innerlich: „Weiche von mir!“ Klappt ganz gut! Wer da von mir weichen soll? Na der Teufel natürlich, der sich da immer ins Fäustchen lacht. Nicht der Mensch vor mir. Der hat sich in seiner Lage gebrauchen und fangen lassen. Er bleibt ein Ebenbild Gottes, den Gott zur Liebe befreit sehen möchte.

 

Alles, was ihr tut, tut in Liebe. Ganz klein, ganz groß, mutig, stark, oft mit Selbstüberwindung, auch im Widerstand. Lasst Euch nicht kleinkriegen im Lieben. Die Liebe ist die Kraft des Herrn aller Herren. Die stärkste von allen Kräften.

Andreas Marschella Pfarrer in Wolferborn/Michelau und Rinderbügen


Make Love, Not War!

von Leroy Pfannkuchen

Pfarrer Leroy Pfannkuchen
Pfarrer Leroy Pfannkuchen

Eine der bekanntesten Anti-Kriegsparolen - Make Love, Not War! - entstammt der Anti-Kriegsbewegung der 1970er Jahre und rief in der Zeit des Kalten Krieges und des Vietnamkriegs zu einem friedlichen Miteinander auf, anstatt sich mit Waffengewalt zu bekämpfen.

 

Nun, über 50 Jahre später, stehen wir wieder an der Schwelle eskalierender Kriege und gewaltsamer Konfrontationen: Der Russland-Ukraine-Krieg jährt sich 2024 zum zweiten Mal, ohne dass hier ein baldiges Ende oder eine friedliche Lösung in Sicht ist. Im Gaza-Streifen zwischen Israel und Palästina fallen nach wie vor die Bomben, sind Menschen zu Tausenden gestorben und zahlreiche weitere leiden unter den unmenschlichen Bedingungen.

Und vergessen wir nicht die anderen Orte der Welt, an denen es immer noch Konfliktherde gibt: Im Sudan herrscht ein Bürgerkrieg zwischen Militär und paramilitärischen Kräften, der indigenen Bevölkerung Australiens wird nach einem Referendum weiterhin die politische Mitsprache in Fragen der indigenen Völker verweigert.

Mit dem Blick zurück auf 2023 und voraus auf 2024 ist daher passend, dass wir ein ähnliches Mantra wie die Anti-Kriegsparole auch als Jahreslosung haben. Sie steht im 1. Korintherbrief, Kapitel 16, Vers 14:

 

Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.

 

Der Aufruf des Paulus ist eine radikale Herausforderung: Alles, was wir tun, immer mit Liebe zu tun, heißt, uns bewusst zu machen, dass wir nichts „halbherzig“ tun dürfen. Sei es weder einen „guten“ Rat erteilen, nur damit die andere Person nicht nervt, noch eigene Grenzen zu missachten, weil andere Dinge immer wichtiger sind als zum Beispiel die eigene Gesundheit. Alles mit Liebe zu tun, heißt, mit ganzem Herzen und vollem Einsatz dabei sein. Dazu braucht es Zeit und Hingabe. Das heißt, ich muss auch mal zurückstellen, den wichtigen Dingen Vorrang geben. Denn, wenn ich etwas mit Liebe tue, dann bin ich voll dabei. Egal ob in Beruf, Familie, im Ehrenamt oder auf der großen politischen Bühne.

 

Das heißt aber auch: Die Liebe muss unsere Basis sein, von der aus wir handeln. Das bedeutet, ich muss auch mal über meinen eigenen Schatten springen. Keine Politik, keine Vorurteile dürfen mir diktieren, was ich zu tun habe. Sondern bloß die Liebe und damit auch die Liebe zum Nächsten. Sie muss mich leiten. Damit verbunden bin ich auch gefragt, mich dort einzusetzen, wo Menschen nicht mit Liebe, sondern mit Hass, Verachtung oder Gewalt begegnet wird. Und dieser Einsatz kann Berge versetzen!

 

So hat die römisch-katholische Kirche zum Beispiel die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare erlaubt. Das ist noch kein tiefgreifender Wandel der römisch-katholischen Kirche in diesen Fragen. Aber es ist ein Anfang. Das war möglich, weil sich Menschen aus Liebe zueinander und füreinander eingesetzt haben. Und es ist ein Ansporn, dass wir auch die härtesten Konflikte beseitigen können, wenn wir statt Gewalt der Liebe Vorzug geben. Darum handelt aus Liebe und lasst euch von Liebe leiten.

 

Einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein gesegnetes Jahr 2024 wünscht Pfarrer Leroy Pfannkuchen.

Leroy Pfannkuchen ist Pfarrer in Blofeld, Dauernheim und Ranstadt


Das Rotkehlchen und die stille Hoffnung auf Frieden

von David Jumel

Pfarrer David Jumel. Foto: Iris Hartings
Pfarrer David Jumel. Foto: Iris Hartings

Kennen Sie das, sie hängen jetzt in der Winter- und Adventszeit ein paar Meisenknödel in den Garten und es dauert keine zwei Minuten, bis plötzlich das Grün vor der Tür von etlichen verschiedenen Vögeln bevölkert wird?

 

Einen Vogel bekommt man dabei manchmal, aber eher selten zu Gesicht, der ist legendär - die Schriftstellerin Selma Lagerlöff hat die Legende zu ihm aufgeschrieben.

 

Darin heißt es, dass Gott in seiner Schöpfung auch einen grauen Vogel schuf, den nannte er Rotkehlchen. Seine roten Brustfedern sollte sich das Rotkehlchen selbst verdienen. Aber es lebte, zog Junge groß und es gelang ihm nicht. Was es auch versuchte seine Brust wurde nicht rot.

 

Mit den Jungen im Nest sitzend an den Mauern Jerusalems, sah es mit an, wie eine Schar Soldaten mit Pferden und schließlich drei Übeltäter vorbeizogen. Das Rotkehlchen legte schützend seine Flügel über den Nachwuchs.

 

Es sah einen dornengekrönten Mann vorbeiziehen und bekam Mitleid mit ihm. Es traf den Vogel mitten ins Herz, jemanden so leiden zu sehen. Das Rotkehlchen nahm allen Mut zusammen und flog zu dem Mann. Es zog mit aller Kraft eine der Dornen ab von der Stirn des Mannes und ein kleiner Tropfen Blut färbte rasch die Brust des Vogels. So flog es zurück zu seinen Jungen und wusch sich die Brust, doch die blieb rot.So ist das Rotkehlchen bis auf den heutigen Tag mit seiner leuchtend-roten Brust unterwegs und gerade im Winter leuchtet es einem entgegen.

 

Es ist die stille Hoffnung, die jetzt in der Adventszeit wieder um sich greift, dass es Frieden in der Welt geben möge. Rotkehlchen sind stille Boten, ein kleiner roter Farbtupfer im Wintergrau, die davon künden, dass es auch dieses Jahr wieder Weihnachten wird.

 

Dass mit dem Sohn Gottes Gott selbst in unsere Welt gekommen ist und dass damit unsere Welt nicht so bleibt wie sie ist.

 

Dass er sich verletzlich und klein gezeigt hat, als Kind im Stall. Im Kleinen schließlich hat sich die Hoffnung erkennbar gemacht, die in alle Welt verkündet ist.

 

Vielleicht achten sie beim nächsten Spaziergang draußen einmal darauf. Ab und an sitzt vielleicht irgendwo ein Rotkehlchen. Oder sie entdecken sogar eines in ihrem Garten. Kommen Sie gesund und behütet durch die Adventszeit!

David Jumel ist Pfarrer in Echzell und Bisses


Seht, die gute Zeit ist da!

von Leroy Pfannkuchen

Pfarrer Leroy Pfannkuchen
Pfarrer Leroy Pfannkuchen

Die Adventszeit nimmt Fahrt auf. Das merken wir besonders daran, dass nun langsam überall die Weihnachtsmärkte eröffnen oder stattfinden und die Häuser in Lichterglanz von Lichterketten, Sternen, Baumdekorationen und winterlichen rot-weiß geschmückten Dächern und Fernstern erstrahlen.

 

In der Kirche merken wir es dagegen eher verhalten. Der Adventskranz wird aufgestellt und die Altarbehänge wechseln ihre Farbe. Aus dem Grün der Trinitatiszeit oder dem Weiß am Ewigkeitssonntag wird Lila: die Farbe der Buße, der Reue und der Vorbereitung. Denn, auch wenn es gesellschaftlich schon in den Geschäften und auf den Straßen so aussehen mag, als könnte Weihnachten schon morgen um die Ecke kommen, sind wir noch eine Weile von Heiligabend und der Geburt Jesu Christi entfernt.

 

In dieser Zeit, so die kirchliche Bedeutung von Advent, sollen wir uns nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich auf die Ankunft Jesu vorbereiten. Früher durch Fasten, heute eher dadurch, dass wir uns darauf besinnen, worauf es an Weihnachten wirklich ankommt, und manches Mal auch, dass wir im Trubel von Weihnachtsvorbereitungen und Geschenkbestellungen nicht vergessen, dass Weihnachten vor allem ein Fest der Liebe und der Gemeinschaft ist. Nicht nur zu Hause, am Tisch, sondern auch im Gottesdienst, vielleicht an einigen Orten auch mit Menschen, die an Weihnachten ohne Familie feiern müssen.

 

Diese Vorbereitungszeit ist deswegen besonders wichtig, damit wir im Trubel des „Weihnachtsstresses“ nicht aus den Augen verlieren, was an Weihnachten wirklich zählt. Im Wochenspruch heißt es daher: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lk 12,28b)

 

Nicht nur vor sich hin schuften, sondern den Blick und den Fokus auch (und vor allem besonders (!)) in der Adventszeit auf die Geburt Jesu Christi zu legen und alles, was wir an Weihnachten und in der Adventszeit tun, auch daran auszurichten. So kann uns vielleicht eine Amazon-Bestellung erspart bleiben, weil es nicht um das physische Geschenk geht, sondern vielleicht die Gemeinschaft der Familie Geschenk genug ist. So können wir auch in einer besonders vollen und von Angeboten strotzenden Adventszeit unserer Ruhe und der eigenen Erholung Vorzug geben. So können wir bewusst mit unseren Mitmenschen zusammen rufen „Seht die gute Zeit ist nah, Gott kommt auf die Erde“ und damit unsere Hoffnung, aber auch unseren Wunsch verbinden, dass Krieg und Gewalt, Hunger und Armut, Missachtung und Hass der Vergangenheit angehören und alle Menschen in unserer Mitte willkommen sind und ihr Leben in Frieden und Freiheit führen können.

 

Noch ist nicht Weihnachten. Noch brennen nur zwei Kerzen am Adventskranz. Doch unsere innere Vorbereitung und auch unser Wirken wird gerade in dieser Adventszeit dringender gebraucht denn je.

 

Denn seht die gute Zeit ist nah! Helfen wir dabei, dass sie in unseren Herzen und unseren Häusern Wohnung nehmen kann!

Leroy Pfannkuchen ist Pfarrer in Blofeld, Dauernheim und Ranstadt


Ankommen in der Adventszeit

von David Jumel

Pfarrer David Jumel. Foto: Iris Hartings
Pfarrer David Jumel. Foto: Iris Hartings

Es ist wieder so weit. Die Kinder in der Schule bekommen leuchtende Augen, wenn sie davon erzählen: Die Adventszeit beginnt! Da ist Vorfreude: auf das erste zu öffnende Türchen am Adventskalender, dass es auf Weihnachten zugeht und dass sogar schon erster Schnee fällt.

 

Jedes Jahr wieder beginnt mit dem ersten Advent auch das Kirchenjahr neu. Feiern und Feste strukturieren den Jahreslauf und auch unser Leben.

 

Es mag vieles schwierig sein in diesen Tagen, manches gar eine Last, aber eines ist gewiss: Es wird Weihnachten werden, wie jedes Jahr. Was so jedes Jahr sich wiederholt, das zeugt von einem Ankommen. Ankommen in der Adventszeit, kurz verschnaufen bei Punsch oder Glühwein, während das Jahr gefühlt rasend schnell dem Jahresende und -übergang zuläuft.

 

Den Beginn der Adventszeit und den 1. Advent in seiner stetigen Wiederholung auch als sich wiederholenden Neuanfang verstehen, das kann ein lohnender Gedanke sein. Nachdem mich ein Trauerfall viele Nerven gekostet hat, kann ich vielleicht die Adventszeit als kostbare Zeit für mich selbst begehen. Mir Zeit für mich und meine Empfindungen nehmen. Oder ich nehme mir Zeit, um für andere da zu sein. Rufe vielleicht mal wieder meine Eltern oder jemanden aus dem Freundeskreis an. Wenn ich selbst das Gefühl habe, dass mir absolut die Zeit dazu fehlt, dann werde gerade ich von jemand anderem überrascht mit einer Einladung, einem Anruf oder einem guten oder tröstlichen Wort.

 

Und wenn es auch nicht gleich für jeden mit dem beginnenden Advent um Neuanfang geht, so ist doch vielleicht Besinnung und Orientierung. Die Adventszeit ist auch gestaltete Zeit durch so manche Adventsfeier, durch besondere Gottesdienste und etliche Konzerte. Alle laden dazu ein, Gemeinschaft zu haben, sich zu erfreuen und, gerade in unseren Kirchen, auch zur Ruhe zu kommen.

 

Wir warten im Advent auf den uns nahekommenden Gott, der Mensch wird. Er ist es, der sich dieser häufig auch bitterkalten Welt aussetzt, der leidet und mitträgt, der tröstet und die Hand hält, Tränen abwischt und dem Neubeginn entgegensieht.

 

Auf sein Ankommen warten wir auch dieses Jahr wieder. Wir besingen es mit Liedern.

 

Sichtbar wird das Warten auch durch Adventskranz und -Kalender. Jeden Sonntag eine Kerze entzünden und jeden Tag ein Türchen öffnen. Schritt für Schritt auf Weihnachten zu. Macht nicht nur die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, sondern macht auch eure Herzenstüren weit auf, dass Gott einziehe. Seht die gute Zeit ist nah!

David Jumel ist Pfarrer in Echzell und Bisses


Umfangen und gehalten in Gottes Liebe

von Tanja Langer

Pfarrerin Tanja Langer
Pfarrerin Tanja Langer

In meiner Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden behandle ich im November klassischerweise die Themen Tod und Trauer. Dabei sprechen wir über die Feiertage wie Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag oder auch den Ewigkeitssonntag. Die Konfis bekommen von mir einen Arbeitsauftrag: Sie gehen in kleinen Gruppen auf den Friedhof ihrer Gemeinde und beantworten eine Liste mit Fragen, die ich ihnen mitgebe. Darunter so etwas wie „Welche Gräberarten gibt es?“, „Gibt es Regeln auf einem Friedhof?“ oder auch „Gibt es Symbole auf den Grabsteinen und wenn ja, was könnten sie bedeuten?“. So kommen wir gut ins Gespräch und nähern uns dem Thema erstmal sachlich. Zum Schluss ihres Arbeitsauftrages sollen sie sich in ihrer Gruppe drei Fragen überlegen, die sie schon immer mal einem Bestatter stellen wollten. Den Bestatter lade ich dann zu unserer Konfistunde ein und wir besprechen die Informationen, die sie gesammelt haben. Je nach Gruppe wird es meist ein sehr lebhaftes Gespräch über den Tod und was mit ihm einhergeht.

 

Ich frage die Konfis nach ihren Jenseitsvorstellungen. Viele haben eine Vorstellung, können es aber nicht so richtig in Worte fassen. Wir basteln dann zusammen. Sie bekommen eine Tür zum Ausschneiden und ein Plakat, sowie jede Menge Magazine und Zeitschriften mit vielen Bildern. So können sie versuchen, das, was sie nicht sagen können, als Bild darzustellen. Das klappt meist viel besser.

 

Wir schauen uns auch an, was manche Künstler zum Thema Tod geschaffen haben. Wir vergleichen einige Bilder und stellen fest, dass es Unterschiede gibt, aber auch etwas Gemeinsames: Die Künstler haben das Jenseits, die Ewigkeit immer als ein helles Licht dargestellt. Oft sind Engel dabei, um die Verstorbenen vom Reich der Lebenden in das Reich der Toten zu begleiten.

 

Ich finde das eine sehr schöne Vorstellung. Engel, die uns in die Ewigkeit bei Gott geleiten. Und Gott, der umgeben ist von Licht, der auf uns wartet. Ja, er wartet auf uns, weil wir von ihm geliebt sind und jedes Leben wertvoll ist. Auf den Bildern der Konfis finden sich Bilder von der Natur, die friedlich vor uns liegt. Wolken, Himmel, Sterne, Haustiere, die vermisst werden, und Bilder von Menschen, die uns fehlen. Mit diesen Bildern im Kopf kommen auch viele Menschen am Totensonntag in die Kirche. Sie haben eine Vorstellung davon oder einen innigen Wunsch, wo die Verstorbenen, derer wir gedenken, nun sind. Sie erzählen davon, dass sie hoffen, dass ihre Lieben bei Gott aufgehoben sind ohne all die Dinge, die im Leben vielleicht schwer waren. Sie sprechen davon, dass sie die geliebten Menschen trotzdem um sich, in sich spüren. Das geht mir genauso. Auch ich musste schon Abschied nehmen. Aber ich bin gewiss, dass sie alle umfangen und gehalten sind in Gottes Liebe. Mein Vater, Tante Elfriede, Onkel Helmut und auch mein kürzlich verstorbener Freund Barny. Sowie alle, deren Namen wir am Sonntag verlesen werden und dabei eine Kerze für sie anzünden. Das Licht der Kerze als Zeichen für alles Helle und Gute, dass sie nun in der Ewigkeit bei Gott haben.                                   Tanja Langer ist Pfarrerin in Eckartshausen


Leuchten wie die Sterne in der Nacht

von Antje Armstroff

Pfarrerin Antje Armstroff. Foto: Sandra Kömpf
Pfarrerin Antje Armstroff. Foto: Sandra Kömpf

„Mach mal Platz! Ich will auch gucken!“ Die Kindergartenkinder rangeln um die besten Plätze am Fenster. Sie sind fasziniert von dem großen Bagger, der draußen arbeitet. Das will natürlich jeder sehen. Mal wird geschubst und gedrängelt, mal fachsimpeln die kleinen Experten einträchtig über die Fahrzeuge, die da gerade im Einsatz sind.

 

Wenig später sitzen alle im Stuhlkreis und lernen das neue Lied für das bevorstehende Laternenfest: „Ein bisschen wie St. Martin will ich sein…“ singen sie und dabei üben sie nicht nur das Lied, sie üben auch, wie das gut geht mit dem Teilen und der Rücksichtnahme. Mit großem Eifer teilt Philipp den kleinen, roten Mantel mit dem Spielzeugschwert, um die eine Hälfte Elisa zu geben, die den Bettler spielt und deshalb bibbernd auf dem Boden sitzt.

 

Diese Haltung, die die Kinder hier lernen und einüben, wird sie ein Leben lang begleiten und prägen – weit über die Kindergartenzeit hinaus. Wenn wir lernen, anderen Platz zu machen, damit auch sie die Welt sehen können, wenn wir aufhören, nur an unseren eigenen Vorteil zu denken, dann haben wir viel von St. Martin gelernt. Und dann erfüllt sich, was Paulus in seinem Brief an die Philipper sagt: dass wir als Kinder Gottes wie die Sterne in der Nacht leuchten werden (Phil 2,15).

 

Nach dem Gottesdienst zu St. Martin ziehen alle aus der Kirche, zünden ihre Laternen an und singen: „Dort oben leuchten die Sterne – und unten da leuchten wir.“ Ich verstehe das als Auftrag. Wie die unzähligen Sterne, die selbst in der dunkelsten Nacht leuchten und funkeln, sind wir dazu berufen, auf der Erde zu leuchten und Licht in die Dunkelheit zu bringen.

 

Wer schon einmal alleine mit seiner Laterne in einer stockdunklen Gegend unterwegs war, hat die Erfahrung gemacht: Das kleine Licht ist zwar schön anzusehen, reicht aber nicht weit. Doch wenn alle Laternen eines ganzen Kindergartens zusammenkommen: Wie hell werden dann die Straßen erleuchtet! So verhält es sich auch mit dem, was die Kinder am Beispiel von St. Martin lernen. Einzelne Taten mögen nach außen klein erscheinen – aber für einen einzelnen Menschen können sie die Welt bedeuten. Und ich bin überzeugt davon: Viel wächst aus einer Haltung, die die anderen Menschen im Blick hat. Wenn das Gerangel um den eigenen Vorteil, um die besten Plätze im Leben ein Ende hat – dann haben Große und Kleine viel gelernt von St. Martin.

 

Rund um den 11. November erinnert uns das Martinsfest in jedem Jahr daran, dass wir einander Licht sein können. Martin hat in Jesus Christus das Licht der Welt erkannt. Er hat sich davon anstecken lassen und dieses Licht weitergegeben. Wenn wir unseren Teil dazu beitragen, dieses Licht zu verbreiten, dann verstärkt sich das Leuchten. Dann gehören wir zu einer großen Wolke von Zeugen, die alle dazu beitragen, die Dunkelheit zurückzudrängen.

 

Denn jede und jeder von uns hat das Potential, Licht in die Dunkelheit und Wärme in die Herzen zu bringen. So wie es uns die Kinder jedes Jahr vorsingen: „Dort oben leuchten die Sterne – und unten da leuchten wir.“

Antje Armstroff ist Pfarrerin in Ulrichstein