Gedanken zum Sonntag – 26.01.2020

Über das Beten

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

Von Andreas Marschella

 

Ein Mensch wurde gefragt: „Was gewinnst Du schon, wenn Du regelmäßig betest?“ Der Mensch antwortete: „Nichts!“ – „Warum tust Du es dann?“ – „Weil ich Dir sagen kann, was ich verliere: Sorge, Egosimus, Bekümmerung, Schwermut, Unsicherheit und auch die Angst vor dem Tod.“

 

Oft ist die Antwort auf unsere Gebete nicht, dass wir etwas gewinnen. Oft ist die Antwort, dass wir etwas verlieren – Unangenehmes, uns Bedrückendes oder Bedrängendes. Viele Zeitgenossen verstehen das Beten immer wieder so, dass Gott ihnen ihre Wünsche erfüllt. Die möchten, dass ihre Phantasie über ihr Leben auch Gottes Phantasie sein soll. Das kann nur zu einem führen: Zur Enttäuschung. Dann halten sie das Beten für sinnlos.

 

So macht Beten gewiss keinen Sinn. Aber sinnlos ist nicht das Beten, sondern die Haltung. Ich kann über Gott nicht verfügen. Er ist die Summe aller Geheimnisse meines Lebens. Er ist die andere Phantasie über mein Leben. Ich kann ihn nicht kontrollieren. Zum Glück. Das fällt aber schwer zuzulassen, wenn man doch so gern Kontrolle über das Leben hätte.

 

Beten ist sinnlos, wenn ich mit einer Wunschliste hineingehe. Beten macht Sinn, wenn ich meine Gefühle zeige, sie ausbreite und ausspreche. In den Gefühlen, die sich zu glücklichen oder belastenden Gedanken formen, lebe ich. Beten ist sinnvoll, wenn ich einwillige, mein Leben Gott sehen zu lassen. Dazu braucht es nicht viel, damit Beten sinnvoll ist.

 

Beten – ich schreiben meinen Weg, mein Erlebtes, meine Pläne, meine Sicherheit und Unsicherheit in die Phantasie Gottes über mich ein. Und warte, was kommt. Bald. Oder später. Oder nie. Oder anders. Hinwenden zu Gott ist Abwenden von mir. Das ist schon ein Gewinn, ja. Menschen sagen, dass sie so etwas bekamen, was sie gar nicht wollten. Und doch wurden sie seltsamerweise ruhig bis zufrieden damit.

 

Ich schreibe von der Phantasie Gottes. Was ist seine Phantasie über uns? Ich sage: Seine Phantasie ist, dass am Ende alles gut wird. Wie bei Jesus. Man kann diesen Satz als Kalenderweisheit lesen und dann wie ein Kalenderblatt wegwerfen. Man kann dies aber auch als das Versprechen lesen, das in allen Geheimnissen trägt: Es wird am Ende gut! Im Beten übe ich mich mit meinem persönlichen Leben ein in dieses Versprechen. Probieren Sie’s.

 

Andreas Marschella, Pfarrer in Gelnhaar und Bindsachsen