Gedanken zum Sonntag -  16.07.2017

Emilies Taufe

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

 

 

 

Von Friedrich Fuchs

 

 

 

Die Menschen sind eigenartige Wesen. Immer wollen sie irgendwas. Sie wollen vieles gleichzeitig. Oft stehen die Wünsche direkt gegeneinander. Dann ist mit Wunscherfüllung nicht wirklich zu rechnen. Das fällt aber keineswegs immer auf, wodurch viel Verdruss und Unzufriedenheit entstehen. Wünsche hegen, die sich gegenseitig ausschließen, ist ein bewährtes Mittel zum Unglücklichsein. So sagt es ein Altmeister dieses Fachgebiets.

 

 

 

Eine aktuelle Verworrenheit der Wünsche besteht zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und der nach Schutz. Einerseits soll das Leben in Freiheit und selbstbestimmt stattfinden. Andererseits soll alles immer absolut sicher sein. Ich will in allen Dingen mein eigener Herr sein und mir von anderen nichts sagen lassen müssen. Am besten, mir könnte keiner was. Oder sie könnten mich alle mal. Dabei sind höchste Sicherheitsstandards aber unverzichtbar. Und wehe, es passiert doch was. Da wird man mich kennenlernen.

 

 

 

Eine Automobilreklame ist für mich zum Sinnbild dafür geworden. Im Mittelpunkt steht ein

 

üppiges Familienauto mit allen heutzutage käuflichen Sicherheitseinrichtungen. Die sind unten ausführlich im lobpreisenden Kleintext aufgelistet. Passend dazu eine respektable Kleinfamilie mit Mutter, Vater, kleinem Mädchen, kleinem Jungen. Die Mutter erfreut sich mit hütendem Blick der Kinder. Der Vater erfreut sich stolz des Autos. Die Kinder spielen unbeschwert und sorgenlos. Probleme und Zöffe scheinen so fern wie das schicke Eigenheim zu Hause, das ich mit gutem Grund vermute. Der Ort der idyllischen Szene ist der obere Rand einer schottischen Steilküste. Tief drunten braust das Meer und reicht bis zum Horizont. Das Bild ist von existentieller Dichte und beinahe spiritueller Kraft: Freiheit und Abenteuer und größte Sicherheit und Geborgenheit für das allerhöchste Gut.

 

 

 

Wenn ich mir den lieben Gott einmal sehr menschlich denke, muss ich annehmen, dass ihn das alles ziemlich nervt. Vielleicht geht es ihm da ein bisschen wie Eltern, deren Kinder gerade die Pubertät haben. Sie sollen da sein, begleiten, aufpassen, beschützen, verstehend zuhören, in den Arm nehmen, Perspektiven eröffnen, gangbare Wege bahnen und noch viel mehr. Gleichzeitig sollen sie aber Raum lassen zum Ich-Sagen und Ich-Leben in Freiheit und Selbstbestimmtheit. Gute Eltern in den bewegten Jahren bis gegen vierzig und der liebe Gott lebenslang sollen einen Hochseilakt hinkriegen. Die Wirklichkeit ist natürlich anders.

 

 

 

Emilies Eltern haben als Taufspruch den 121. Psalm ausgesucht. Die acht Verse scheinen die Schutz- und Sicherheitsseite bedienen zu wollen. Woher kommt Hilfe? Sie kommt von Gott. Er lässt den Fuß nicht gleiten (ausrutschen). Er schläft nicht. Er behütet. Dann wechselt aber die Tonart. Die beiden letzten Verse sind ein Segen. Der Herr behüte dich etc. etc. Der Psalm hat eine innere Richtung: von der Lebensangst zum Lebensmut. Gott besänftigt nicht nur die Angst, sondern ermutigt diskret zum Leben. Schließlich ist er ein Meister der Diskretion.

 

 

 

Gottes Ermutigung zielt allerdings eher weniger auf Abenteuerurlaube und Selfmanagement. Luther hat das Wort von der Freiheit eines Christenmenschen eingeführt. Sein gleichnamiges Büchlein handelt von Sicherheit und Freiheit. Ein Christ ist frei, weil Gott auf seiner Seite ist.

 

Deshalb sollte er sich nicht fürchten, sondern die geschenkte Sicherheit nach Möglichkeit im Sinne Gottes ausleben. Heute bei uns hat das etwas mit Zivilcourage zutun.

 

 

 

Friedrich Fuchs

 

(Pfarrer in Aulendiebach, Rohrbach und Wolf) 

 


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