Gedanken zum Sonntag – 01.08.2021

Every Day is #Roma-Day!

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Von Martin Schindel

 

Der 2. August ist ein bislang nur wenig bekannter Gedenktag: 2015 rief das Europäische Parlament diesen Tag zum „Europäischen Holocaust-Gedenktag für die Roma“ aus. Dieses Datum wurde gewählt, weil am 02.08.1944 die SS die letzten etwa 3.000 Menschen, die im sog. „Zigeuner-Familienlager“ in Auschwitz-Birkenau eingepfercht waren, in die Gaskammern trieb. Während der NS-Diktatur wurde etwa ein Viertel der europäischen Roma ermordet, über 500.000 Menschen.

 

Auch wenn der Name ein wenig unglücklich bestimmt wurde – auf Romanes wird zumeist vom „Porajmos“ gesprochen, wenn der Massenmord an den Roma gemeint ist -, so ist doch das Anliegen klar und bis heute dringend: Es muss erinnert werden an die Ausgrenzung, die in unseren Dörfern und Städten mit dem aufkommenden Nationalsozialismus keineswegs begann, und die 1945 keineswegs endete.

 

Ich kenne in unserer Region kein einziges Denkmal, keine einzige Plakette an einem Haus, keine einzige historische Publikation über die Entrechtung und Verfolgung der Roma. Dabei wurden durchaus auch aus Wetterau und Vogelsberg Einzelpersonen und ganze Familien deportiert und ermordet, beispielsweise die Familie Marschall. Diese hatte in Usenborn gelebt, in einem sehr ärmlichen, winzigen Haus, das heutzutage nicht mehr steht.

 

Der älteste Sohn Wilhelm wurde von der GeStaPo Darmstadt ins KL Flossenbürg eingeliefert, von dort zum KL Dachau verbracht und schließlich in einem Außenlager des KL Mauthausen ermordet. Seine Mutter und die beiden Geschwister wurden eines Nachts abgeholt, ins „Zigeuner-Familienlager“ Auschwitz deportiert und dort ermordet. In Usenborn selbst gibt es keinerlei Akten oder Hinweise mehr auf Familie Marschall; einige wenige Angaben sind in den „Arolsen Archives“ zu finden.

Ich vermute, dass in zahlreichen Ortschaften Ähnliches geschah – es würde mich freuen, wenn in Kirchengemeinden historisch interessierte Menschen sich daran machen würden, auch diesen Aspekt der Geschichte ihres Ortes zu erforschen. Viele der Roma, die hier lebten, waren übrigens Mitglieder der jeweiligen katholischen Kirchengemeinden; möglicher Weise hilft schon eine Suche in den Kirchenbüchern? Gibt es vielleicht noch heute lebende Nachfahren, die man befragen kann?

 

Im „Bündnis für Solidarität mit den Sinti und Roma Europas“ sind auch kirchliche Organisationen, beispielsweise die Diakonie, Mitglied geworden. Das Bündnis hat sich zur Aufgabe gestellt, auf die Situation der Sinti und Roma hinzuweisen, über den Alltagsrassismus ihnen gegenüber hinzuweisen und den Anti-Ziganismus zu bekämpfen. Ein Engagement von Kirchengemeinden in diesem Sinne ist mir ein besonderer Wunsch für die kommende Woche.

 

Martin Schindel, Pfarrer in Ortenberg, Bergheim und Usenborn