Gedanken zum Sonntag  - 23.06.2019

Outward bound


Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 Von Friedrich Fuchs

 

Himmelfahrt-Gottesdienst mit Taufe in Dudenrod (2019). Ich erinnere an einen heute verlassenen Ort im Gebiet der Kirchengemeinde: Pferdsbach. 1847 sind die meisten Einwohner nach Amerika ausgewandert. Über Mainz und Köln fuhren sie nach Antwerpen, überquerten in zwei Schiffen – sie hießen Albert und Morgenstern – den Atlantik und siedelten sich schließlich in Pittsburgh und Umgebung an. Die Überfahrt mit den damals üblichen Segelschiffen dauerte etwa sechs Wochen. Vier Erwachsenen stand eine Fläche von 1,80 m mal 1,80 m zur Verfügung. Das Risiko war hoch. Es gab Schiffsunglücke, Brände und Seuchen an Bord. Wer sein Ziel erreichte, hatte meistens ein schweres Leben vor sich.

 

Ich mache auf einen englischen Ausdruck aufmerksam. Er lautet: outward bound. So wird ein Schiff genannt, das fertig beladen und zum Auslaufen bereit ist. Es befindet sich sozusagen im Gleich-geht’s-los-Modus. Outward bound nennt sich ein erlebnispädagogisches Projekt. Es verspricht, junge Menschen fürs Leben fit zu machen. Ich weiß nicht viel darüber, aber der griffige Name gefällt mir.

 

Das Taufkind ist outward bound. Wie eine Schiffsreise liegt sein Leben vor ihm. Allen Gefahren, Zwischenfällen und Widrigkeiten zum Trotz soll es gelingen! Voraussehbare Lebensstücke lassen sich mit nautisch-maritimen Begriffen gut ausdrücken: gute Fahrt, volle oder halbe Fahrt, Wind von vorn, von hinten, vor dem Sturm, im Sturm, nach dem Sturm, Flaute, Maschinenschaden, Kurskorrektur, fester Anker, sicherer Hafen. Ich erwähne Johann Sebastian Bach. In seiner Kreuzstabkantate von 1726 heißt es: „Mein Wandel auf der Welt / ist einer Schifffahrt gleich / … / Mein Anker aber, der mich hält, / ist die Barmherzigkeit, / womit mein Gott mich oft erfreut. / Der rufet so zu mir: / Ich bin bei dir, / ich will dich nicht verlassen noch versäumen!“ Wir taufen für eine gute Reise.

 

Zwischen den vielen Lebensrisiken und den starken Versprechen der Taufe ist ein Abgrund. Auf der einen Seite die Wünsche, Erwartungen, Befürchtungen und Ängste, auf der anderen die Zusage unbedingten Schutzes. Der seit Jahren beliebteste biblische Spruch zur Taufe ist der von den Engeln mit dem göttlichen Behütungsbefehl auf allen Wegen. Die Bibelworte am Himmelfahrtstag verstärken das sogar noch. Der genhimmelfahrende Jesus sagt (Matthäi am Letzten), dass ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. Etwas vollmundig und anspielungsbeladen sprechen deshalb manche Christen von der Machtergreifung Jesu Christi. Vor diesem Hintergrund wiegt die Tatsache, dass so viel Böses geschieht, besonders schwer.

 

Ich kann den Widerspruch nicht auflösen. Ich kann die Lebensgefahren weder wegdenken noch wegglauben. Meine diesbezügliche Suchrichtung ist folgende: Ich glaube, dass Gott sich in der Welt zurücknimmt. Ich glaube, dass Jesus Christus seine Macht nur höchst diskret unter uns zur Geltung bringt. Diese Zurückhaltung erlaubt uns Entscheidungen, Lebensgestaltung und Ich-Sagen. Dazu gehören auch Lebensfreude und Glück. Die Kehrseite ist das Risiko und nicht selten der Schmerz.

 

Diesmal ist der Taufspruch der Spruch aller, die outward bound sind. Josua-eins-Vers-neun: „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“

 

Friedrich Fuchs

(Pfarrer in Aulendiebach, Rohrbach und Wolf)