Gedanken zum Sonntag -  24.09.2017

Licht nach der Wahl

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

Von Gert Holle

 

Der Wahlkampf hat es wieder ans Licht gebracht: Viele haben an ihrer Partei gebaut. Am Grundsatzprogramm. Am Wahlsieg. An ihrer eigenen Person. Stein auf Stein, Mauer um Mauer. Eifrig. Mit Ausdauer. Verbissen. Wie die „Schildbürger“ an ihrem Rathaus. Bei der Einweihung müssen sie Farbe bekennen. Zu dem stehen, was vorher groß angekündigt worden war. Und es stellt sich heraus: Es ist zappenduster. Vergeblich und lächerlich erscheint im Rückblick die Hektik, mit der sie wochenlang durch die Lande und Fernsehstudios zogen und versuchten, Licht in Säcken einzufangen. Sie nach drinnen zu schleppen. Kein Lichtblick. Es war etwas vergessen worden - das Selbstverständlichste von der Welt: die Fenster. Vielleicht aus Angst, jemand könnte Einblick bekommen. Es könnte Durchzug geben, Staub aufwirbeln, Bewegung aufkommen – beim Klimaschutz, in der Rentenproblematik, in Fragen der Bildung, um die Folgen der Digitalisierung unserer Welt. Vielleicht aus Angst, Menschen bekämen den Durchblick. Und finden dann nur leere Säcke, den Rest von ihren Versprechungen. Würden sie doch wenigstens noch nachträglich Fenster einbauen, wo andere immer noch sich und andere einmauern!

 

„Zum Lernen ist es nie zu spät“ - mit diesen hoffnungsfrohen Worten betitelte ich vor über 30 Jahren einen bissig-ironischen Liedtext, den ich kurz vor einer Kommunalwahl den Kandidaten sinnbildlich in den Mund gelegt hatte. Darin ging es um Selbstüberschätzung, ja um Überheblichkeit und das abhanden gekommene Vermögen, aus der Vergangenheit lernen und dann auch Verantwortung übernehmen zu wollen. Um Menschen, denen jegliche Demut, Bescheidenheit und Einfühlungsvermögen abzugehen schien – oder anders ausgedrückt, die Häuser ohne Fenster bauen wollten:

 

Zum Lernen ist es nie zu spät

 

Wir glauben an das Gute und tun das Böse Tag für Tag.
Wir wollen nur das Beste, bei uns geht alles Schlag auf Schlag.
Wir leben in den Morgen, Vergangenheit ist längst vorbei.
In Gedanken sind wir ohne Sorgen, das Gestern ist uns einerlei.

Wir sind ja hier die Größten – womöglich auch noch anderswo.
Wir wissen, wir machen, wir werden und können alles sowieso.

Wir lernen nicht, wir haben ja, das Alte geht uns gar nichts an.
Das Neue ist so wunderbar, auch ihr begreift das irgendwann.
Ich fühle, wie sich alles dreht, immer vorwärts, nie zurück.
Doch ich sehe wie die Welt vergeht, immer schneller, Stück für Stück.

 

Wir sind ja hier die Größten – womöglich auch noch anderswo.
Wir wissen, wir machen, wir werden und können alles sowieso.

 


Wir gehen in ein Chaos rein und niemand hält uns auf.
Keiner sagt uns: Lasst das sein. Schluss mit diesem Amoklauf.
Eines Tages werden wir am Ende stehen, die Erkenntnis kommt dann viel zu spät.
Wir werden auf das Vorher sehen und merken, wie das mit dem Lernen geht.

 

                                                                                                          (Gert Holle, März 1985)

 

Der Künstler Friedensreich Hundertwasser philosophierte einmal: „Die einen behaupten, Häuser bestehen aus Mauern. Ich sage: Häuser bestehen aus Fenstern.“- Möge es an der Zeit sein, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und endlich die Fenster in die Häuser zu bauen. Damit alle sehen können. Damit im Sonnenlicht der Kompass vielleicht wieder gefunden wird, der uns durch die wahren Herausforderungen unserer Tage führen kann. Damit auch noch Anderes zählt außer Macht, Ansehen und Geld. –

 

„So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“ Mit diesen Worten aus der Bibel wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende und uns allen Licht nach der Wahl.

 

 

 

Gert Holle, Theologe und Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Dekanat Büdinger Land

 


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