Gedanken zum Sonntag – 24.10.2021

Eine bessere Wahl

Foto: canva.com
Foto: canva.com

 

von Gert Holle

 

Im eigenen Leben stehen wir oft an Wegkreuzungen, an denen wir uns entscheiden müssen. Nach links, nach rechts, geradeaus oder eine 180-Grad-Kehrtwende? Höre ich auf meine innere Stimme oder lasse ich die gut gemeinten Ratschläge derer, die es vermeintlich besser wissen, an mir vorbeiziehen? So wie jene Gänse auf dem Hof: Da steht der beredsamste Gänserich am Zaun und schnattert über Gott und die Welt. Über den Stolz, „Gans“ zu sein. Über Erfahrungen aus der Vergangenheit und Lehren aus der Geschichte. Über eine neue Zukunft. Er erzählt von den Vorfahren, die einst zu fliegen wagten. Vom Sinn der Flügel und dem Instinkt zu fliegen. Es ist ergreifend. Er spricht den anderen aus der Seele und macht dabei wahrlich keine schlechte Figur. Die Gänse spenden langen Beifall. Nur eins tun sie nicht: fliegen. Sie gehen zur Tagesordnung über. Machen weiter, wie bisher. Futter haben sie ja genug, und in ihrem Stall fühlen sie sich immer noch sicher…. - Warum fragt denn keine: Wie macht man das: fliegen? Wer wagt es gemeinsam mit mir? Endlich das glaubwürdig zu leben, wozu wir auf der Welt sind!

Vielleicht mag es den Gänsen wie Dr. Faust gehen. Der sinniert über sein Dasein nach, entschließt sich, dem Materiellen durch Selbstmord zu entfliehen und wird dann von seinem Vorhaben durch Chorgesang, der in sein Zimmer dringt, abgehalten. Die Chöre verkünden nicht nur die Osterbotschaft von der Auferstehung Christi, sondern sie legen sie aus und feiern sie als Befreiung aus der Gefangenschaft des Sterblichen und des Menschlichen überhaupt. Der Chor weist auf die Prüfung hin, die der Mensch als Irrender zu bestehen hat und die er durch die Liebe zu Christus bestehen kann. Die letzte Chorstrophe fordert zur tätigen Liebe. Faust hört diese Botschaft, kann ihr aber nicht folgen: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!“.

Mir kommt so manche Botschaft in den Sinn, die ich zwar vom Kopf her verstehen kann, der ich aber dennoch sehr skeptisch gegenüberstand und stehe. Und ich fühle mich den Gänsen auf dem Hof ganz nah. In meiner Kinder- und Jugendzeit in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hörte und las ich vom großen Waldsterben, von der Energiekrise, von der atomaren Bedrohung. Heute wird von der globalen Erwärmung und vom Abschmelzen der Polkappen gesprochen. Ich kenne die Thesen und Argumente der Wissenschaftler zum Klimawandel, von Mahnern und Warnern. Gerade habe ich ein Buch gelesen, in dem über ein Gespräch zwischen dem Dalai Lama, Greta Thunberg und führenden Wissenschaftlern berichtet wird.  Sie diskutierten zu Beginn des Jahres über die sogenannten Klima-Feedback-Loops, also sich selbst verstärkende Kreisläufe, die die Erde zerstören, aber auch retten können.  So, wie sich jetzt diese Feedback-Loops in einer negativen Abwärtsspirale drehen, so könnten sie sich auch in eine positive Richtung entwickeln, so die Hoffnung. Warum auch nicht?  Ich nicke wieder mit dem Kopf und bin doch versucht zu sagen: Ja, der Klimawandel ist sehr schlimm, aber „Futter habe ich noch genug und in meinem Stall fühle ich mich immer noch sicher.“ … Und gehe zur Tagesordnung über. Doch die Wahlmöglichkeit bleibt, die Möglichkeit, Träume, wie die vom Fliegen im übertragenen Sinne, umzusetzen. Die Möglichkeit, die Erkenntnisse ernst zu nehmen und persönlich etwas zu tun, einen eigenen Beitrag zu leisten, in tätiger Liebe zu Christus und den Nächsten.  In dem genannten Buch mit dem Titel „Kreisläufe des Klimawandels“ wird der Dalai Lama so zitiert: „Wie Greta sagte, haben wir bereits alle Fakten und Lösungen, die wir benötigen. Wir müssen unsere Art zu denken, neu ausrichten.“ Und damit greift er im Prinzip das auf, was er das ganze Leben schon betont: „Veränderungen beginnen damit, dass wir sehen, was wirklich ist, anstatt zu sehen, was wir gerne sehen würden.“ Und, um auf die Eingangsgeschichte mit den Gänsen zurück zu kommen, möchte ich hinzufügen: „Es wird zu viel geschnattert. Zu wenig geträumt und dann auch in die Tat umgesetzt. Doch wir haben die Wahl, es besser zu machen! – In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende. Ihr Gert Holle 

 

 

Gert Holle ist Theologe und Öffentlichkeitsreferent des Evangelischen Dekanats Büdinger Land