Gedanken zum Sonntag -  25.08.2019:

Gedanken zum Israelsonntag

Fotos: Manfred Schnell, Erhard Müth, Norbert Lofink

 

Dekanin Sabine Bertram-Schäfer

 

Vor einiger Zeit, als ich auf Entdeckertour im neuen Dekanat Büdinger Land war, kam ich nach Ober-Seemen. Pfarrer Kuhnke zeigte mir die Kirche, das Gemeindehaus und erzählte von den vielen Aktivitäten seiner Gemeinde. Bevor wir uns auf den Weg zu seinen drei weiteren Kirchen in Mittel-Seemen, Nieder-Seemen und Volkartshain machten, zeigte er mir noch die alte Synagoge. Ich war beeindruckt! Ein sehr schönes und imposantes Gebäude! Und ich war erfreut, ein so gut erhaltenes Synagogengebäude zu entdecken. Schon Anfang 1938 wurde das Gebäude nach Auflösung der jüdischen Gemeinde an die bürgerliche Gemeinde verkauft. In der Pogromnacht 1938 wurde die Inneneinrichtung zerstört, das Gebäude blieb unversehrt. Bis das Synagogengebäude 1978 in Privatbesitz überging und von Grund auf restauriert wurde, gab es unterschiedliche Nutzungen. Es war Bürgermeistersitz, beherbergte einen Teil der Schule, zeitweise war es eine Lagerstätte für Lebensmittel und eine Produktionsstätte für eine Lederwarenfabrik. Mitten im Dorf steht dieses alte Synagogengebäude und gibt uns einen Hinweis auf jüdisches Leben in unseren Dörfern.

 

Am 10. Sonntag nach Trinitatis feiern unsere Kirchen den Israelsonntag. Dabei gedenken wir sowohl der Zerstörung des Tempels und der Shoah als auch der gemeinsamen Wurzeln unseres Glaubens an den einen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Bei meinen Gedanken an den Israelsonntag erinnerte ich mich an die Synagoge in Ober-Seemen. Sie ist für mich ein Ausdruck der Zerstörung des jüdischen Lebens in unserem Land seit 1933 und ein Bild für unsere gemeinsamen Glaubenswurzeln. Die Erinnerung an meinen Ausflug nach Ober-Seemen und die Gedanken zum Israelsonntag machten mich neugierig. Welche Spuren von jüdischem Leben sind in den vielen anderen Orten unseres Dekanates Büdinger Land zu finden? Im Internet wurde ich fündig und konnte die Geschichte der Synagogen in den einzelnen Dörfern und Städten nachlesen. Viele sind abgerissen worden. Andere wurden zu Wohnhäusern umgebaut. An manchen findet sich heute eine Gedenktafel oder ein Mahnmal im Dorf verweist auf das verlorene jüdische Leben. In Wenings wurde aus der ehemaligen Synagoge die katholische Kirche. Eine Menora fand in Erinnerung an die frühere Funktion des Gebäudes ihren Platz in der Kirche.

 

Es gibt sie, die Erinnerungspunkte, die uns darauf hinweisen, dass jüdische Brüder und Schwestern in unsere Dörfer gehörten. Auch die zahlreichen Stolpersteine, die in vielen Orten verlegt wurden, verweisen uns auf einzelne Bürger jüdischen Glaubens und deren Schicksal. In Erinnerung an Zerstörung und Vernichtung möchte ich auf unsere gemeinsamen Werte und Gebote hinweisen, die wir in der Bibel finden. Das höchste Gebot heißt: Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und Jesus fügte hinzu: … und deinen Nächsten, wie dich selbst!

 

Der Israelsonntag richtet meinen Blick auf Gott und auf meinen Nächsten. Zerstörung und Ausgrenzungen haben dabei keinen Raum. Vielmehr aufeinander Zugehen und in jedem Menschen Gottes Ebenbild entdecken. Für mich ist das sehr aktuell! Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Israelsonntag!

 

Ihre Dekanin Sabine Bertram-Schäfer