Gedanken zum Sonntag – 22.11.2020

Wie eine Feder zum Himmel

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Von Gert Holle

 

„Alles hat ein Ende und einen Anfang. Nur die Ewigkeit nicht.“ Ob das so stimmt? – Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Einige Male habe ich bereits zum sogenannten Ewigkeitssonntag in dieser Rubrik meine Gedanken mitgeteilt. Geschichten erzählt. Versucht, Ihnen Tröstliches weiterzugeben, Hoffnung gemacht, auf ein „Danach“. Und ich habe versucht, den Blick auf unser Leben zu lenken, auf das Hier und Jetzt. Darauf, wie wir mit Tod und Sterben umgehen – und zugleich Zuversicht gewinnen können. Im Laufe des Lebens hat sicher jeder von uns schon Begegnungen mit dem Tod gehabt und wird sie auch weiterhin haben. Deswegen erscheint es mir so wichtig, sich Gedanken zu machen, wie man in so einer Situation leichter bestehen kann. Wie wir den Tod nicht einfach ausblenden und wie wir auch nicht einfach die Kunst des Trostes den „Profis“ überlassen: Geistliche, Trauerbegleiter, Therapeuten.

 

Im vergangenen Jahr haben viele von uns einen oder mehrere geliebte Menschen verloren. Traurige und schmerzhafte Abschiede mussten wir erleben – von Menschen, die uns sehr nahe standen. Und manchmal hatten wir das Gefühl, dass ein Teil von uns selbst gestorben ist. Vieles war und ist nach wie vor seit Beginn der Pandemie erschwert. Als Trauernde konnten wir, sofern wir nicht zu den engsten Verwandten zählten, nicht in gewohnter Weise von Verstorbenen Abschied nehmen. Auch am Ewigkeitssonntag, an dem evangelische Christinnen und Christen ihrer verstorbenen Angehörigen und Freunde in Gemeindegottesdiensten gedenken, wird manches anders sein. Die Zugänge sind eingeschränkt beziehungsweise oftmals nur nach vorheriger Anmeldung möglich. Und dennoch werden sich bei vielen von uns die Erinnerungen wieder ganz intensiv einstellen: Der Weg des Sterbens, die Hilflosigkeit und Ohnmacht, die Tage danach, das Gefühl, allein zu sein, die Fragen nach dem Sinn des Todes, das Leid, das einem die Kehle zuschnürt, die Tränen in der Dunkelheit, der schwere Gang zum Grab, der Abschied …

 

Es gibt viele Vorstellungen, was nach dem Tod passieren wird. Z.B.: das Licht am Ende des Tunnels, die Wiedergeburt, die Begegnung mit den Liebsten, die vor einem gegangen sind und vieles mehr. Ich kenne auch Menschen, die sagen, dass nach dem Tod gar nichts mehr sein wird. Aber wäre das nicht viel zu deprimierend? Ist es nicht viel tröstlicher, sich vorzustellen, dass die Seele unsichtbar und gleich einer Feder zum Himmel emporsteigt und einen leblosen Körper zurücklässt? Ich stelle mir vor, dass der Tod lediglich die Seele vom Körper trennt, welcher vielleicht schon eine lange Zeit Schwierigkeiten und Schmerzen erleiden musste. Der eine Teil wird für immer an einem schönen Ort sein – im Himmel. Der andere Teil bleibt bei denen, die die Verstorbene geliebt haben und auch weiterhin lieben werden. Vielleicht hat sie ihnen etwas Besonderes hinterlassen, das sie weitergeben möchten. Erinnerungen, Geschichten. Etwas, das in ihren Herzen weiterlebt. - Wie gesagt, ich weiß nicht, wie es sich mit der Ewigkeit verhält. Als Christ darf ich aber darauf vertrauen, was die Bibel sagt. So kündigt der Beginn des 21. Kapitels in der Offenbarung des Johannes ein neues Leben nach dem Tod an: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.“ Tröstlich, nicht wahr? - Was ich weiß ist, dass die Zeit der Trauer zum Leben dazugehört. Dass sie dauert – aber sie sollte nicht alles überdauern. Die Zeit geht weiter, mischt sich mit Dankbarkeit über die Zeit, die wir mit den verstorbenen Verwandten und Freunden verbringen durften. Dankbarkeit über die Menschen, die einem in den schweren Tagen zur Seite standen. Dankbarkeit, dass Gott uns hält. Und dann könnte etwas Neues geschehen, dass man glaubt, man sei bereits im Himmel. Ein neues Leben kommt, denn der Tod ist nicht das Ende. Für Sie nicht, für mich nicht und nicht für die, um die wir trauern. „Die Tränen rannen herab, und ich ließ sie ungehindert fließen, wie sie wollten, und machte aus ihnen ein Ruhekissen für mein Herz. Auf ihnen ruhte es.“ Mit diesen Worten des Kirchenvaters Augustinus wünsche ich Ihnen einen gesegneten Ewigkeitssonntag.

 

Gert Holle, Theologe und Öffentlichkeitsreferent im Evangelischen Dekanat Büdinger Land.