Gedanken zum Sonntag – 20. September 2020

Nehmt einander an!

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

Von Sabine Bertram-Schäfer

 

 

Immer wieder sehe ich die Bilder vor mir. Kinder in allen Altersstufen, Familien, Mütter mit Säuglingen auf dem Arm und Väter, die sich um ihre Familien sorgen. Sie sitzen auf der Straße und sind im wahrsten Sinne des Wortes verlassen. Das, was sich auf Lesbos und anderen griechischen Inseln abspielt, hat mit Menschenwürde nicht mehr viel zu tun. Warum es soweit kommen musste, ist mir kaum verständlich. Die Not der Menschen ist nicht erst seit dem Corona-Ausbruch und dem Feuer im Flüchtlingslager Moria entstanden. Immer und immer wieder weisen Flüchtlingsorganisationen, Ärzte, einzelne Politiker und die Kirchen auf die Lage der Menschen in den Flüchtlingsunterkünften auf den ostägäischen Inseln hin. Der Appell an die europäischen Staaten verläuft meistens im Sande. Auch jetzt sind nur wenige Staaten bereit, die Menschen aufzunehmen.

 

Dass Deutschland jetzt 1.553 Menschen aufnehmen will, ist der richtige Weg. In meinen Augen aber ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn ich an die 27.000 Menschen denke, die sich in Flüchtlingslagern und auf der Straße auf den griechischen Inseln aufhalten. Wie gut, dass sich viele Städte und Kommunen deutlich bereit erklären, Menschen in Not aufzunehmen. Kindern, Frauen und Männern aus ihrer Not zu helfen und ihnen eine neue Perspektive und Hoffnung zu geben, sollte an erster Stelle stehen. Der verzagte Blick in die rechte Ecke und der Verweis auf notwendige Verhandlungen mit allen europäischen Staaten, geschehen auf Kosten von Menschenleben.

 

Das Bibelwort für den morgigen Sonntag gibt uns eine klare Richtung. „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ Paulus schrieb diese Worte schon vor langer Zeit an die Gemeinde in Rom. Und ich finde: Sie sind auch heute noch topaktuell! Als Christenmenschen ist es unser Auftrag, uns für unsere Mitmenschen einzusetzen. Der Grund dazu liegt bei Jesus Christus. Weil Christus uns annimmt, sollen wir uns in seinem Auftrag um Menschen in Not kümmern. Wie konkret Jesus gehandelt hat und wie oft er sich den Menschen in Not zuwandte, können wir in der Bibel nachlesen. Jesus handelte dabei weder diplomatisch noch berechnend. Er sah in jedem Menschen ein Kind Gottes und das war Grund genug, sich der Menschen anzunehmen und ihnen zu helfen.

 

Für mich ist das ein klarer Aufruf, deutliche Worte zu dem Flüchtlingsdrama auf den griechischen Inseln zu sagen. Doch Worte allein helfen nicht. Wir können eine Atmosphäre schaffen, in der Flüchtlinge willkommen geheißen werden. Es gibt viele gute Beispiele, die davon erzählen, wie Freundschaften entstanden sind und Menschen, die auf der Flucht waren, bei uns eine Heimat gefunden haben. Diese Geschichten sollten wir weitererzählen. Wir von der Tafel Büdingen wüssten zum Beispiel nicht, was wir machen würden, wenn wir nicht die Hilfe der Flüchtlinge hätten. Sie helfen beim Sortieren der Lebensmittel, tragen schwere Kisten und sind bei der Ausgabe behilflich. So manche Freundschaften sind dabei unter den Helfern entstanden.

 

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen morgen einen gesegneten Sonntag!

 

 

Ihre Dekanin Sabine Bertram-Schäfer