Gedanken zum Sonntag -  20. Januar 2019

Der Welt neue Träume hinzufügen

Foto: Gert Holle
Foto: Gert Holle

 

 

 

Von Gert Holle

 

 

 

Es gibt kluge Ratschläge, die begleiten einen oft das gesamte Leben. Manchmal sind es auch nur kurze Sätze, die einem in unterschiedlichsten Zusammenhängen von Zeit zu Zeit begegnen, Mut machen. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ - diese Worte aus dem 31. Psalm geben beispielsweise mir seit vielen Jahrzehnten ein gutes Gefühl. Gott macht uns ein Geschenk, belässt uns nicht im stillen Kämmerlein. Wir dürfen den Raum durchschreiten, unsere Lebensmöglichkeiten darin ausloten. Dafür können wir dankbar sein. Doch bei all der Weite und der damit einhergehenden Freiheit ist es oft nicht leicht, den eigenen Lebensweg zu finden, auf dem rechten Pfad zu bleiben. Bei all den Möglichkeiten kann einem angst und bange werden vor einem ziellosen Umherirren. Ohne klare Orientierung kann das Leben auf dem weiten Raum ins Trudeln geraten. Doch wer sagt, dass wir in dem weiten Raum des Lebens bei jeder Gelegenheit mitschwimmen müssen, um überall dabei zu sein? - Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Ja, das ist wahr, Gott. Aber wie finde ich mich zurecht? Wohin soll ich gehen? - Wer in dem weiten Raum des Lebens nicht untergehen will, der braucht Leitplanken. Der braucht Werte, die in der rauen See des Lebens als Bojen dienen. Markierungen, die keine Zäune sind, die ein Weitergehen verhindern. Eine dieser Wegmarken heißt für mich: „der Mensch ist ein Geschöpf Gottes“. Seine unantastbare Würde liegt in Gottes Hand. Gott trägt und hält den Menschen als sein Geschöpf. Nicht umgekehrt, auch wenn mancher meint, er beherrsche die Natur, weil er Menschen technisch herstellen und mit der Genschere verändern kann. Wo der Mensch zum Material von Wissenschaftlern verkommt, wird eine Schwelle überschritten, die die Ehrfurcht vor dem Geschöpf Gottes missachtet. Wirtschaftliche Argumente nach dem Motto „Wenn wir es nicht tun, dann tun es die anderen“ oder „Um nicht abgehängt zu werden, müssen wir eben mitmachen“ gelten hier nicht. Zur Orientierung gehört auch ein klares Nein zu unheilvollen Entwicklungen. Ein solches Nein bedeutet meist Verzicht: Nicht alles, was möglich ist, kann mit gutem Gewissen vertreten werden. Sicher gibt es dazu unterschiedliche Auffassungen. Es wird immer wieder Situationen geben, in denen wir als richtig angesehene und bewährte Leitlinien überschreiten werden und so riskieren, vor Gott schuldig zu werden. Auch das gehört zum weiten Raum des Lebens. Aber diese Linien immer wieder zu bedenken, sie in den verschiedensten Lagen und Zeiten zu überdenken, das ist Teil des Lebens und unserer Verantwortung vor Gott. Sich dieser Verantwortung nicht zu stellen hieße, sich der Verantwortung für das Leben und für unsere Mitmenschen zu entziehen.

 

 

 

3000 Persönlichkeiten aus allen Bereichen sowie Vertreter von mehr als 100 Regierungen und 1000 Unternehmen weltweit werden in der kommenden Woche an der Jahreskonferenz des Weltwirtschaftsforums teilnehmen. Im schweizerischen Davos-Klosters bietet sich Experten zum 49. Mal die Gelegenheit, sich auszutauschen. Erhofft werden Empfehlungen, die Orientierung für eine gemeinsame Zukunft geben. „Der Mensch erkennt die Welt nicht daran, was er ihr nimmt, sondern was er ihr an Träumen hinzufügt“, sagte kürzlich Harry Owens, Direktor des Traumtheaters Salome in einem Interview. Längst hat die atemberaubende Geschwindigkeit des technologischen Wandels unsere Systeme für Produktion und Verteilung, Energie, Kommunikation, Mobilität und Gesundheit durcheinander gewirbelt. Deshalb bedarf es nicht nur neuer Rahmenbedingungen für die nationale und multinationale Zusammenarbeit, sondern gerade Träume und kreativer Ideen, was die Gestaltung von Arbeit, Bildung und Freizeit anbelangt. Entwicklungen in der Robotik und der künstlichen Intelligenz bieten die Chance, sich von einer auf Wachstum der Produktion und Konsum ausgerichteten Lebensweise hin zu einer Gesellschaft zu entwickeln, die sich das Teilen und die Versorgung aller Menschen ins Zentrum schreibt und dabei die ökologische Schieflage angeht. Es wird nicht reichen, sich an Einzelsymptomen aufzureiben, so notwendig die Vermeidung von Plastik, das Recycling von Dosen oder das Überdenken des Mobilitätsverhaltens sind. Da kann jeder Einzelne von uns etwas beitragen. Global weiterhin an einer veralteten Denkweise festzuhalten und an bestehenden Prozessen und Institutionen herum zu kurieren, wird keine Hoffnung bringen. Nicht nur die Experten in Davos, wir alle müssen von Grund auf neu denken, damit wir die Möglichkeiten nutzen und Krisen vermeiden können, die wir aktuell schon erleben. Die Verwerfungen sind nicht auf ein einzelnes Land, eine Branche oder nur ein Thema beschränkt. Sie sind weltumspannend und verlangen eine gemeinschaftliche Herangehensweise. - Nehmen wir Gottes Sein in seiner Schöpfung ernst, müssen wir unser Leben neu gestalten, uns neu orientieren. Das erfordert von uns allen einen hohen Einsatz und mehr Fantasie. Und es erfordert die Einbeziehung aller Interessengruppen in einen nachhaltigen Prozess sowie das Vermögen, über den eigenen institutionellen und nationalen Schatten zu springen. - Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Machen wir etwas daraus!  In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende.

 

 

 

Gert Holle, Theologe und Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Evangelischen Dekanat Büdinger Land